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Schicksalsbericht Regina Heeß

Die ehemalige Präsidentin von CICATRIX erlitt im März 2000 Verbrennungen II. und III. Grades an 20 Prozent ihrer Körperoberfläche durch eine Spiritusverpuffung.

Im April 2004 ist ihre Biografie bei Rütten & Loening, Berlin erschienen: Regina Heeß "Ich lebe ein zweites Leben"

Mir fehlen sieben Wochen meines Lebens

Mit vierzig war ich eine ganz normale deutsche Durchschnittsfrau. Zwei halbwüchsige Kinder, alleinerziehend, berufstätig. Ich ärgerte mich über die ersten grauen Haare, die zunehmenden Dellen an den Oberschenkeln und die Fliehkraft, die meine Brüste immer mehr nach unten zogen. Trieb Sport, liebte Kultur, unternahm gerne was mit meinen Freunden und war frisch verliebt. Ab dem 30. April 2000 war plötzlich nichts mehr, wie es einmal war.

An diesem Tag erwachte ich auf einer Intensivstation. Wusste weder wo, noch warum ich dort war. Ein Arzt erzählte mir, dass ich schwere Verbrennungen erlitten habe und bereits seit sieben Wochen in der BG-Klinik Ludwigshafen sei. Ein Psychologe würde bald vorbei kommen, um ausführlich mit mir zu sprechen. Doch zuvor kam ein Pflegeteam, um meinen Körperverband zu wechseln. Dem Blick auf meinen schwarzgrauen Oberkörper folgte ein Schrei, der noch heute manchmal in Träumen in meinen Ohren nachhallt. Eine Brust fehlte komplett, von der anderen war nur noch wenig vorhanden.

Gedämpft durch Psychopharmaka nahm ich es relativ gelassen hin, dass mir sieben Wochen meines Lebens fehlten. Der erste Blick in den Spiegel, als ich mein verbranntes und durch die Narbenzüge entstelltes Gesicht sah, ließ mich kalt.  Zwei Monate nach dem Unfall wurde ich entlassen. Da ich mich gegen eine stationäre Reha entschieden hatte, brachte mein Freund mich nach Hause. Über mögliche Reaktionen hatte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gedanken gemacht. Denn auf der V1 sahen schließlich alle Patienten so aus wie ich.

Ich hatte mein Gesicht und meine Identität verloren

Die erste kalte Dusche folgte sofort beim ersten Einkauf im heimischen Supermarkt. Eine gute Freundin von mir schrie laut auf, als ich sie vor Freude über das Wiedersehen umarmte. Ihre anschließende Bemerkung "Bist du das, Regina?" verunsicherte mich. Kurze Zeit darauf traf ich einen Arbeitskollegen, der mich ebenfalls nicht erkannte. Das komplette Ausmaß meiner Entstellung wurde mir dann sechs Wochen später noch einmal deutlich vor Augen geführt, als ich zu der Geburtstagsfeier meines Schwagers nach Norddeutschland reiste. Meine ganze Familie war anwesend, einer der Gäste sah mich und fragte meine Schwester "Wer ist denn der Zombie, den ihr da eingeladen habt?". Natürlich so laut, dass ich jedes Wort mitbekam.

Wut über meine fehlende Beweglichkeit - ich konnte weder einfachste Dinge im Haushalt selbständig erledigen noch Autofahren - war in den ersten Wochen mein ständiger Begleiter. Unter Aufsicht eines Neurologen baute ich die Psychopharmaka langsam ab. Die Gefühle, so lange gewaltsam unterdrückt, kamen nun immer machtvoller an die Oberfläche. Scham, Verzweiflung, Sinnlosigkeit ließen mich nun mit meinem Leben hadern. Nach außen tat ich weiter "cool", kaum einer merkte mir an, wie es tief in meinem Inneren aussah. Das Leben erschien mir trotz meines guten sozialen Umfeldes zunehmend sinnloser. Denn ich hatte meine Identität verloren, konnte und wollte mich nicht mit meinem veränderten Körperbild abfinden. Ein halbes Jahr nach dem Unfall hatte ich ernsthafte Suizidgedanken und sammelte eifrig Tabletten, die mir die Ärzte großzügig zur Beruhigung und gegen meine Schlafstörungen verschrieben.

Als der Tag X da war, an dem ich glaubte, es sei für alle besser, wenn ich sterbe, waren mein Tabletten zu Hause und ich Tausende Kilometer entfernt in Urlaub. Hier wagte ich auch endlich den ersten ausführlichen Blick in einen Spiegel. Die Bilanz war entsetzlich. Verbrennungen überwiegend dritten Grades im unteren Bereich des Gesichtes, am Hals und fast dem kompletten Oberkörper sowie den Oberarmen. Der seelische Zusammenbruch war heftig, stellte sich aber im Laufe der nächsten Monate als der Beginn meines zweiten Lebens heraus. Die ersten Schritte waren wackelig wie bei einem Kleinkind. Genauso verletzbar und auf Hilfe angewiesen war ich auch.

In anderthalb Jahren durch die Hölle und zurück

Dieser Zustand währte nahezu anderthalb Jahre. Ich suchte in dieser Zeit verzweifelt nach Möglichkeiten, die mir helfen würden, die verhassten Narben weg zu bekommen. Ob Läser, Kortisonunterspritzung - alles scheiterte. In Ludwigshafen planten die Ärzte derweil diverse Korrektur-Operationen. Schließlich fand ich Hilfe. Ein junger experimentierfreudiger Arzt wollte eine neuartige maschinelle Narbenmassage an mir ausprobieren. Ein Verfahren, mit dem bis dahin noch nie aktive Brandnarben behandelt worden waren. Ich willigte ein, weil ich nach wie vor nicht bereit war, mir mein Gesicht mit Vollhaut neu transplantieren zu lassen.

Nach vier Monaten Behandlungsdauer stellten sich erste sichtbare Erfolge ein. Weiteren Auftrieb gaben mir die ersten beiden Korrektur-Operationen zwei Jahre nach dem Unfall. Die Brüste wurden rekonstruiert, meine Ohrläppchen neu geformt. Der Tränenfluss, der anderthalb Jahre einfach nicht enden wollte, versiegte langsam. Und ich bemerkte verwundert, dass ein neues Gefühl Einzug in meine Seele hielt, das ich bis dahin nicht kannte. Demut.

Heute habe ich insgesamt fünf Nachoperationen hinter mir. Meine Beweglichkeit ist - bis auf den Hals -  vollständig wieder hergestellt. Mein Gesicht sieht bis auf ein paar Narben nahezu aus wie vor dem Unfall. Die dicken Narbenstränge im Dekollete sowie die fehlende Muskulatur am Oberarm stören mich nicht mehr. Denn meine Narben sind für mich mittlerweile genauso selbstverständlich wie meine Nase oder meine Füße.

Mich schämen - warum?

Auch mit Blicken gehe ich heute anders um. Mich schämen oder verstecken - warum? Ich habe dank einer großartigen Intensivmedizin einen Unfall überlebt, an dessen Folgen ich 20 Jahre zuvor gestorben wäre. Die sichtbaren Folgen der Heilung werden mich bis an mein Lebensende begleiten. Meine Narben. Hildegard von Bingen sagte einmal: Narben sind wie kostbare Perlen. Genauso trage und zeige ich sie. Weil nur ich allein weiß, wie hart ich daran arbeiten musste, um die Narben als kostbaren Schmuck sehen zu können.

Allein hätte ich diese harten Jahre sicher nicht überstanden. Ich habe viel Hilfe erfahren. Von meiner Familie, meinen Freunden, Therapeuten und Ärzten. Doch alle hätten sie nichts erreicht, wenn ich nicht gewollt, mich aufgegeben hätte. Das habe ich nie getan, auch wenn ich oft so verzweifelt war, dass ich keinen Sinn mehr sah. Ich kann allen Menschen, die mich begleitet haben, mit keinem Geld dieser Welt zurückgeben geben, was ich empfangen habe. Aber ich kann es weitergeben. Und das mache ich seit nunmehr fast fünf Jahren. Erst in einem Selbsthilfeverband, von November 2004 bis Oktober 2013 als Präsidentin von CICATRIX, unserer Gemeinschaft für Menschen mit Verbrennungen und Narben, die ich gemeinsam mit Petra Lubosch und Bettina Fischer gegründet habe.

Regina Heeß, im März 2006.