Unser Mitglied erlitt ihre Verbrennungen im Alter von 9 Jahren. Erst als erwachsene Frau machte sie sich auf die Suche nach Schicksalsgenossen und engagiert sich seitdem ehrenamtlich als Leiterin der Selbsthilfegruppe Nordrhein-Westfalen.
von einem Mitglied, Name bekannt
Es geschah am Freitag, den 26. September 1975. Ich war 9 Jahre alt. Meine Mama und mein Papa waren noch Arbeiten und ich spielte mit unserem 5-jährigen Nachbarjungen Guido auf dem Hof. Er hatte Streichhölzer besorgt und versuchte überall etwas in Brand zu setzen. Da es an diesem Tag sehr geregnet hatte, gelang dies aber nirgendwo. Zuletzt versuchten wir es auf dem Nachbargelände. Dort war ein Klavierbauer, der in einem offenen Gang neben dem Fabrikgebäude Holzwolle gelagert hatte. Dort war es trocken, da alles überdacht und nur von vorne zu begehen war. An einer Seite befand sich eine Bretterwand. Ich war über den Haufen Holzwolle gestiegen und Guido zündelte wieder herum. Plötzlich gab es eine hohe Stichflamme und wir sind auseinandergesprungen. Ich bin bis zum Ende des Ganges gelaufen, der höchstens 2 Meter lang war. Guido konnte weglaufen, da er am Ausgang stand.
da alles voller Holzwolle war und sich auch ein Benzinkanister darin befand. Ich konnte nur noch die Bretterwand hochklettern bis in die linke obere Ecke des Daches und ganz laut schreien. Guido war nach Hause gelaufen, hatte aber keine Hilfe geholt, weil er Angst vor Schimpfe hatte. Hätte er sich am dem Unsinn nicht so schuldig gefühlt, dann wäre natürlich auch viel schneller Hilfe da gewesen. Zum Glück reparierte gerade ein Monteur im Keller die Heizung und hörte mich. Er riss 3 Bretter ab und verbrannte sich dabei ebenfalls. Meine Oma hörte die Schreie auch und eilte herbei. Ich hatte zwar höllische Angst, spürte aber keinerlei Schmerzen. Ein paar Minuten, nachdem man mich aus dem Feuer befreite, kam ein Bekannter mit dem Auto auf den Hof gefahren, da er dort eine Garage gemietet hatte. Ich wurde in sein Auto gesetzt und er raste sofort mit mir ins nächste Provinzkrankenhaus.
Meine Oma, die auch bei uns wohnte, blieb zu Hause, um meine Eltern zu informieren. Da meine Mutter in der Nähe arbeitete, konnte sie sogar das Feuer sehen und machte sich noch lustig, dass endlich das alte Firmengebäude des Klavierbauers dran glauben musste. Dann bekam sie den Anruf von meiner Oma. Ich war mittlerweile schon mit dem Krankenwagen unterwegs in die Kinderklinik nach Wuppertal, da man in der Provinz nicht für so einen schweren Verbrennungsunfall ausgestattet war. Ich war also die ganz Zeit allein mit fremden Leuten, die aber sehr nett zu mir waren. Sie haben das Ganze zu einer spannenden Fahrt mit Blaulicht gemacht. Nur das sie mich oft gepiekst haben, fand ich nicht so toll. Und sie haben mich komplett ausgezogen, so dass ich enorm fror. Trotz 3 Decken änderte sich daran nichts. Die erste war auch so hart und silbern, das piekste auch wieder.
Ich wurde sofort auf die Intensivstation gelegt und an ganz viele Schläuche angeschlossen. Es wurde eine Schockbehandlung durchgeführt und eine 3-Phasengerbung nach GROB. Das steht so im Bericht, aber ich habe es im Internet nicht gefunden. Weiterhin erinnere ich mich an einen wahnsinnigen Durst. Ich sollte Wasser bekommen, was ich verweigerte Ich bat um Apfelsaft in Unmengen, was ich aber sofort wieder erbrach. Trotzdem bettelte ich dauernd weiter danach und schließlich gab man dem auch immer wieder nach, weil ich das Wasser absolut nicht wollte. Mittlerweile waren auch meine Eltern da, die ich zwar hören aber nicht sehen konnte. Ich schlief immer wieder ein, wie lang, wusste ich nicht, vielleicht ein paar Minuten, es könnten aber auch Stunden gewesen sein. Aber immer, wenn ich wach wurde und nach meiner Mama rief, bekam ich eine Antwort von ihr. Sie wachte hinter einer Glasscheibe, die noch durch eine weiße Gardine als Sichtschutz verstärkt wurde. Später erfuhr ich, dass sie komplette 3 Tage, an denen es sehr schlecht um mich aussah, an meiner Seite war und wohl immer nur kurz auf einem Stuhl eingenickt war.
Gleich in der ersten Nacht wurde nach mir noch ein Mann eingeliefert, der rauchend im Bett eingeschlafen war. Er schrie vor Schmerzen und riss sich die Haare aus. Die flogen über die Zwischenwand, die sie aushilfsweise zwischen uns gestellt hatten, direkt auf mein Bett. Sonst war wohl kein Platz mehr auf der Intensivstation. Der Mann ist in dieser Nacht noch gestorben.
wobei die rechte Seite erheblich schlimmer betroffen war, insgesamt über 70% der KOF. Man strich mir eine Flüssigkeit auf die verbrannte Haut, die sich mit meiner Hautoberfläche verband und ganz hart wurde. (Evtl. die 3-Phasengerbung nach GROB). Sie musste in den nächsten Wochen wieder entfernt werden. Dazu kam ich in ein Kamillebad und Prof. Ehlers hat mit einer Pinzette diese Lederhaut hochgezogen und mit einer scharfen Schere das rohe Fleisch darunter abgeschnitten. Diese Prozedur dauerte täglich ca. 1 Stunde. An einem Tag habe ich mal ganz intensiv darum gebettelt, das sie mich heute mal in Ruhe lassen sollten. Der Prof. erlaubte es, aber dann bekam ich abends über 40 Grad Fieber, weil sich etwas entzündet hatte. Plötzlich standen 15 Ärzte an meinem Bett, um zu beratschlagen, was denn nun geschehen soll.
Da war ich also wieder kurz vor dem Tod. Das ganz helle Licht am Ende des Tunnels habe ich schon gesehen und die tolle Musik gehört, genau wie es andere Menschen in so einer Situation schon geschildert haben. Aber irgendwer/-was hat mich zurückgehalten, weiterzugehen, aber ich konnte sie, ihn oder es nicht sehen. Am nächsten Morgen war das Fieber dann wieder gesunken und die Prozedur konnte weitergehen. Ich habe nie wieder gebettelt. Am letzten Tag dieser Höllenprozedur haben der Professor und ich mit Milch, Kaffee und Gummibärchen gefeiert.
Ich blieb bis zum 8. November auf der Intensivstation. Dann kam ich in ein Zimmer, das eine Temperatur von knapp unter 40 Grad hatte. Dort lag ich nackt auf einer Folie und über mir war ein Tunnelgestell, welches auch mit einer Folie überdeckt war. Alle Besucher durften nur mit Mund-, Haar- und Schuhschutz und einem langen Kittel in mein Zimmer. Nach 2 Minuten schwitzte jeder wie verrückt. "Alle Besucher", hört sich so toll an, aber es durften nur meine Eltern und ganz selten meine Oma in mein Zimmer. Meine Schwester war damals noch zu klein, sie war erst 3 Jahre alt. Sie hat mir ab und zu von draußen durch eine Glasscheibe zu gewunken. So z.B. zu Nikolaus und Weihnachten, da gab es dann auch eine Feier. Da hat sie sich auch die Masern von der Kinderstation eingefangen, die dort gerade kursierte. Ich habe diese aber nicht bekommen, auch nicht durch die Schwestern oder Ärzte, was die Sterilität wohl verhinderte. Den Nikolaus konnte ich leider auch nur durch die Glasscheibe sehen.
In der Zeit meines Krankenhausaufenthaltes wurden nur 3 OPīs durchgeführt, die aber wohl sehr notwendig waren zur Entfernung der Nekrosen und Deckung der Defekte. Ich erhielt nun jeden Tag Krankengymnastik. Hier übte man in warmem Wasser mit einem Schaumstoffball mit mir, um meine Finger zu öffnen und zu schließen. Ich weinte vor Schmerzen, weil sie teilweise noch bis auf die Gelenke offen waren. Im Endeffekt blieben 7 Finger steif, nur der linke Daumen und Ringfinger sind voll beweglich, die Anderen sind in den Mittelgelenken steif, haben 90-Grad-Stellung und sind stark verkürzt. Ich habe ca. 5 Monate nur gelegen. Dann sollte ich mich das erste Mal aufsetzen. Da spielte der Kreislauf überhaupt nicht mit. Es hat 3 Tage gedauert, bis ich es eine Weile aushielt, aufrecht zu sitzen. Danach sollte ich mich auf den Bettrand setzen. Als ich die Beine herunterhängen ließ, spritzte das Blut wie wild aus ihnen heraus. Das dauerte wieder Tage.
In der Zeit hat man mir auch den Katheter gezogen. Das hat extra meine Lieblingsschwester gemacht, aber es tat so weh, dass ich ihr aus Reflex gegen den Bauch getreten habe. Leider fiel sie dabei gegen die Heizung. Man schickte mir sofort den Psychologen, weil man dachte, ich hätte nun den "Krankenhauskoller". Ich konnte ihn aber schnell davon überzeugen, das es nur ein Reflex war und habe mich auch gleich bei Claudia entschuldigt. Es tat mir sehr leid.
Zwischendurch gab es auch eine Zeit der Schwerhörigkeit bei mir, das hab ich erst jetzt aus dem Abschlussbericht entnommen. Es war allerdings nur durch Cerumenbildung bedingt, d.h. es hatte sich Ohrenschmalz als Schutz gebildet, was mich aber auffallend schlecht hören ließ. Nach dem "Ohrenausblasen" war es wieder okay. Auch starker Haarausfall wurde durch die Medikamente und das lange Liegen ausgelöst, was sich später aber auch wieder regenerierte.
Falls jemand Beschreibungen über Kompressionskleidung vermisst: Das war für die Ärzte in Wuppertal nie ein Thema. Keiner hat meine Eltern auf die Möglichkeit hingewiesen. Vielleicht gab es das auch zu dieser Zeit noch nicht in Deutschland oder es war noch nicht so bekannt.
Meine Klassenkameraden haben mit Briefe ins Krankenhaus geschickt, die ich alle beantwortet habe, aber meine Mutter musste schreiben, da meine Finger noch nicht dazu in der Lage waren. Sie schrieben, wie sehr sie mich vermissten und hatten auch Bilder gemalt. Ich habe in der Krankenhauszeit und auch danach zu Hause keinen Unterricht von einer Lehrerin bekommen. Meine Eltern haben immer mit mir Lesen geübt und als ich es wieder konnte, auch das Schreiben. Ich habe einfach den Stift zwischen Daumen und Hand geklemmt. Zuerst ging die Haut zwar immer wieder auf und es tat weh, aber man gewöhnt sich ja an alles. Insgesamt war ich 7 Monate in Wuppertal in der Klinik und habe durch den Unfall fast das komplette 2. Schuljahr gefehlt, wobei mir da auch kein Zeugnis ausgestellt werden konnte. Trotzdem wurde ich in die 3.Klasse versetzt.
Die Fahrt dorthin kam mir unendlich lang vor. Es war alles so komisch, da ich ja die letzten Monate nicht mehr im Freien war. Alles war so groß und hektisch. Ich freute mich auf die Nachbarkinder, aber auch das war nicht so einfach. Die kleine Elena z.B. lief weinend vor mir davon. Sie hatte Angst vor meinen Händen. Ich sah wie ein Monster für sie aus. Aber das gab sich mit der Zeit.
In den nächsten Tagen wurde ich Prof. Schink in Köln-Merheim vorgestellt. Der hat dann nach und nach insgesamt über 30 OPīs an mir vorgenommen. Und er hat mir versprochen, ich müsste nie lange im Krankenhaus liegen. Also durfte ich nach dem Aufwachen (auch nach langen z.B. 9-stündigen OPīs) wieder nach Hause. Auch als ich einmal komplett eingegipst war, holten mich meine Eltern aus dem Krankenhaus direkt in ihr Bett. Und am nächsten Morgen lag ich dort ganz allein, weil ich in der Nacht wohl sehr großzügig meine Arme im Gesicht meiner Eltern ausgebreitet hatte, sodass mein Papa ein blaues Auge davontrug.
Zur seelischen Unterstützung, damit ich all die Prozeduren besser aushalten konnte, bekam ich am Abend vor der ersten OP in Köln meine "Yra" geschenkt, einen kleinen Foxterrierwelpen. Sie war fast 16 Jahre lang meine treueste Freundin und der größte Halt in allen Lebenslagen. Sie wartete vor und nach jeder OP im Auto auf mich und freute sich immer unbändig.
Als ich dann wieder in die Schule kam, wiederholte sich teilweise die Reaktion von Elena. Viele hatten Angst vor den Händen und man erkannte die Kinder, welche die lieben Briefe ins Krankenhaus geschrieben hatten nicht mehr wieder. Plötzlich war von "Vermissen" nicht mehr die Rede. Von älteren Schülern wurde ich eher gemobbt, sie ärgerten mich, hatten aber keine Angst. Meine Eltern redeten viel mit mir darüber und gaben mir den Ratschlag, es den Kindern zu erklären, was mir passiert ist und das es jedem hätte geschehen können. Ich habe ihnen gesagt, sie dürften mich ruhig anfassen, das hat Vielen den Schreck genommen. Und die Lehrerin hat auch mit uns geredet und Verständnis hergestellt.
Nach ein paar Monaten fühlte ich mich nicht mehr anders als die Anderen. Ich hatte zwar nach Operationen noch manchmal Hilfe nötig, das war aber für die Lehrerin und die Schüler kein Problem mehr. Beim Sport konnte ich z.B. kein Volleyball spielen, was ich sowieso nicht gern mochte. Da kam mir meine Ausrede natürlich sehr gelegen. Ich habe das, was ich nicht mochte, mit den Verletzungen entschuldigt. Das, was ich nicht konnte, habe ich irgendwie versucht. Allerdings wollte mich keiner beim Sport in seiner Gruppe haben, denn vieles klappte natürlich mehr schlecht als recht. Ich kann mich noch heute gut in die Situation von damals hineinversetzen, wie man sich fühlt, wenn man bis zum Schluss übrigbleibt. Das passierte mir übrigens später in der Tanzschule wieder, so dass sich nur der Hospitant dann erbarmt hat, aber ich habe mir den Spaß am Tanzen davon auch nicht vermiesen lassen.
Für Klassenarbeiten bekam ich aufgrund der Hände am Anfang mehr Zeit als meine Mitschüler, allerdings nur im 3. Schuljahr und am Anfang des vierten Klasse. Da ich auf das Gymnasium wollte, meinte meine Lehrerin, dass das dort nicht mehr ginge, so sollte ich mich bald daran gewöhnen, mitzukommen.
In der Schule und der Freizeit habe ich meine Narben nie versteckt, d.h. ich habe im Frei- und Hallenbad Bikini getragen und auch in der Schule und nachmittags im Sommer kurzärmelig und kurze Hosen. Da konnte man gut üben, verbal auf Entgleisungen der Jungen zu reagieren. Es machte mir nur etwas aus, wenn ich "etwas von denen wollte", aber das waren gottlob nicht so viele. Bei den anderen war ich oft spontan und kess, so dass bei manchem der Schuss auch mal nach hinten losgegangen ist, wenn ich ihn vor seinen Freunden blamierte. Aber ich habe auch sehr viele Tränen zu Hause im stillen Kämmerchen vergossen, wenn mich einer wegen der Narben nicht wollte, während ich so verliebt war. Dann hat es sehr weh getan. Aber es gab auch lustige Momente, z.B. als ein Mann mit dem Fahrrad gegen die Laterne fuhr, weil er mich anstarrte. Schadenfreude ist die schönste Freude, oder nicht?
Wenn ich mal abends mit meinen Freundinnen wegging, trug ich immer langärmelige und hochgeschlossene Blusen oder Pullis, weil ich mir die Chancen auf einen Tanzpartner nicht sofort nehmen wollte, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Männer nicht den Mut oder auch die Lust hatten, mich als "Andersaussehende" anzusprechen. Wenn sie mich aber erst kennen gelernt hatten und dann bemerkten, dass ich Verbrennungen habe, war es für die meisten kein Hindernis mehr. Wenn ich heute noch auf "Männerfang" ;-) gehen wollte, würde ich es wieder genauso machen.
Nach dem Abitur habe ich Unmengen an Bewerbungen für eine kaufmännische Ausbildung geschrieben, hatte auch viele Vorstellungsgespräche, aber es hagelte sehr oft Absagen auch aufgrund der Behinderung. Meine Eltern hatten sich sehr zeitig nach meinem Unfall um einen Schwerbehindertenausweis für mich bemüht. Das Versorgungsamt hat mir darin einen Grad der Behinderung von 80 bescheinigt und bis 1984 auch ein G für "gehbehindert". In dem Jahr wurde mir das "G" wieder aberkannt, weil sich mein Gesundheitszustand bezüglich der Beine wesentlich verbessert hatte, aber der GdB blieb. In den ersten ca. 40 Bewerbungen hatte ich den Ausweis nicht erwähnt, weil ich dachte, er würde meine Chancen vermindern, aber auch hier konnte ich dazulernen. Viele Firmen haben Schwerbehindertenvertreter und stellen deren Klientel bei gleicher Eignung bevorzugt ein.
Vorher habe ich noch einiges einstecken müssen. Z.B. sagte mir ein Personaler einer Bank, dass ich verstehen müsste, dass man mich seinen Kunden nicht zumuten könnte. Und der Ausbildungsbeauftragte des Arbeitsamtes meinte, ich hätte nur eine Chance in einer Behindertenwerkstatt, die schwerst geistig und körperlich behinderten Menschen eine Ausbildung ermöglicht. Diese bleiben aber da, so lange sie arbeiten können und werden nie an Industrieunternehmen weitervermittelt, weil sie dafür nicht leistungsfähig genug sind. Ich sagte ihm, dass ich ihm meine Chancen schon noch beweisen würde. In dem Jahr klappte das leider nicht mehr, aber ich hatte mich nach einer weiterführenden Schule erkundigt, die mein kaufmännisches Wissen erweitern würde. Also besuchte ich ein Jahr die Höhere Handelsschule für Abiturienten. Das war ideal, denn auch für die Einstellungstests lernte ich hier so einfache Dinge, wie den "Dreisatz", der mir als Abiturientin natürlich völlig fremd war. Nach der 4. Ableitung oder der Kurvendiskussion, die ich bis dato noch voll draufhatte, wurde ich nach dem Gymnasium nie wieder gefragt.
Die Chancen auf eine Ausbildung waren in diesem Jahr auch nicht besser als im Vorjahr, weil es zu dieser Zeit auch schon mehr Interessenten für eine kaufmännische Ausbildung gab als offene Stellen. Aber ich habe es dem Arbeitsamts-Hiwi gezeigt, denn nach einer weiteren Bewerbungsflut mit zig Tests und Vorstellungen hatte ich dann gleich zwei Ausbildungsstellen. Man darf eben nicht aufgeben. Ich habe mich dann für die Firma entschieden, wo mir die Übernahme als relativ sicher erschien und dementsprechend bei dem anderen Unternehmen abgesagt. Das habe ich bis heute nicht bereut, denn ich bin mittlerweile seit Jahren dort als Stellvertreterin für die schwerbehinderten Menschen tätig, was großen Spaß macht und habe auch schon einigen jungen Behinderten zu einer Ausbildung verholfen.
Sofort in der Ausbildung haben wir einen Schreibmaschinenkurs gesponsert bekommen, bei dem ich genauso, wie alle anderen lernte, im 10-Fingersystem zu schreiben. In einem Wettbewerb am Kursende war ich sogar die Drittbeste, wobei Schnelligkeit und Fehlerquote berücksichtigt wurden. D.h. wenn man sich durch beisst und nicht hängen lässt, kann man fast alles erreichen.
Um noch weiter zu kommen, war es nötig, auf der Abendschule das Betriebswirtschaftsstudium zu machen. Es dauerte 3 ― Jahre und war sehr hart, denn man hatte kaum noch Freizeit. Meine 3 besten Freundinnen, die ich teilweise seit dem Kindergarten hatte, sind aber auch diesen Teil des Weges mit mir gegangen, obwohl wir uns hier kaum gesehen haben.
Vor ein paar Jahren habe ich im Internet nach Infos über Brandverletzungen gestöbert und bin dann auf eine Selbsthilfegruppe gestoßen. Aus Neugier bin ich dort hingegangen, denn ich hatte vorher noch keinen Schicksalsgenossen getroffen. Bis heute bin ich bei der Gruppe geblieben und wir treffen uns regelmäßig. Mein Freund unterstützt mich dabei sehr und begleitet mich auch immer dorthin. Bei verschiedenen Organisationen habe ich auch einiges dazugelernt, was mich als Kind überhaupt nicht interessiert hat. Und ich möchte anderen Brandverletzten helfen, mit sich und der Welt besser zurecht zu kommen. Ich habe gelernt, mich so zu akzeptieren, wie ich bin und würde andere auch gern dabei unterstützen.
Das ich mich akzeptieren kann bedeutet aber nicht, dass ich nicht manchmal noch Meinungen von Ärzten einhole, ob nicht noch was an meinem Körper verbessert werden könnte. Auch hier bleibe ich am Ball.
Wahrscheinlich hatte ich auch den Vorteil, dass ich den Unfall im Kindesalter erlitten habe und meine Eltern mich ganz normal behandelt haben, soweit es wieder möglich war. So musste ich alles durchleben, bin oft durch die "harte Schule" gegangen, aber habe so gelernt, mit allem fertig zu werden. Viele, denen der Unfall in späteren Jahren widerfährt, kommen wesentlich schlechter zurecht und geraten vielleicht in die Isolation, weil sie die Blicke nicht ertragen können. Für mich sind sie ganz normal, denn ich schaue auch dicken Menschen nach oder jemandem mit Blutschwamm im Gesicht, besonders großen oder kleinen Leuten oder, oder, oder,... .
Auch besonders schönen Frauen oder Männern. Unter denen gibt es doch auch welche, die das nicht ertragen können. Jeder sollte lernen, mehr Verständnis für andere zu haben. Wenn ich freundlich auf starrende Blicke reagierte, habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil, es haben sich oft positive Gespräche ergeben. Und auf die, die wirklich mal unfair und gemein reagieren sollten, kann ich auch gut verzichten. Denn die "falschen Charaktere" kann ich als Brandverletzter doch viel schneller erkennen, als z.B. ein reicher schöner Mann, der wirkliche Freunde sucht. Der ist vermutlich einsamer als ich. Das sehe ich auch als Vorteil von uns an.
Es würde mich freuen, mit diesen Erzählungen aus meinem Leben zumindest einem oder hoffentlich mehreren Menschen ein wenig Hoffnung, Anregungen gegeben oder sonst was Positives bewirkt zu haben. Dann hätte sich die Mühe schon gelohnt.
Thema zuletzt bearbeitet am 22.08.2007 | © 2005 - 2012 CICATRIX e.V. - Regina Heeß | eMail an Webmaster / FlotteSeite.de