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Kontakt: CICATRIX e.V. - Regina Heeß
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Es geht mir gut - ich sehe nur nicht so aus

Als Brandüberlebende - nicht Brandopfer - sieht sich Petra Lubosch und zieht fünf Jahre nach ihrem Unfall eine positive Bilanz.

Vielleicht ist es vermessen anzunehmen, daß die Aufzeichnung meiner persönlichen Erlebnisse jemandem helfen kann. Aber als ich im Krankenhaus lag, gab es für mich keine aufklärende Lektüre. Medizinische Fachbücher ja, aber erstens hätte ich sie als Laie nicht oder höchstens falsch verstanden und zweitens ist es nicht das, was man wissen möchte, wenn das Bewußtsein klar wird.

Ich bin verbrannt, unwiderrufbar verletzt, ich werde nie mehr so sein wie vorher. Wie kann ich leben damit, wie werde ich aussehen, wie lange noch die Verbände, was passiert, wenn sie wegkommen, stimmt es was sie sagen, es hört irgendwann einmal auf zu schmerzen und so viel Ungewißheiten mehr.

Ich hatte mir damals so sehr gewünscht mit einer anderen Brandverletzten reden zu können, die vielleicht die Sache vor einigen Jahren hatte. Ich wollte gern Fotos sehen von Brandverletzten. Wie sahen sie aus nach einem Monat, nach einem Jahr, nach so und so viel Operationen? Außer Nicki Lauda kannte ich keinen Brandverletzten. Ich wußte gar nichts darüber.

Ärzte und Schwestern erzählten immer nur so viel, wie gerade nötig war. Wegen meiner völligen Unkenntnis konnte ich auch keine Fragen stellen, die hätte man mir sicher beantwortet. Immer wieder schämte ich mich meiner Angst, Schmerzempfinden, Hilflosigkeit und verstand mich selbst nicht mehr. So die Situation für mich in 2001, als ich mit rund 50% verletzter Körperoberfläche und Inhalationstrauma in einem Brandverletztenzentrum knapp 3 Monate stationär behandelt wurde.

Unkenntnis und Hilflosigkeit

Inzwischen gibt es ein informatives Buch, einen Leitfaden für Brandverletzte. Die Informationen im Internet haben sich gewaltig entwickelt. Damals kam äußerst wenig zu den ganzen Fachbegriffen in den Suchmaschinen. Denn natürlich war meine erste Tat zurück am Schreibtisch im Hotel, meine Sekretärin zu bitten, mir bei der Internetsuche zu helfen. Allein ging das nicht, wegen der Finger.

Informationen anzubieten ist eines der Hauptanliegen von Cicatrix e.V. eine Gemeinschaft FÜR Menschen mit Verbrennungen und Narben, die ich vor einem Jahr mitbegründete und deren Vizepräsidentin ich bin. Objektiv informieren einerseits, aber eben auch durch subjektive Erzählungen von Brandverletzten und Angehörigen. Es geht mir nicht um Schuldzuweisung oder Vorwurf, wenn Kritik durchklingt. Ich will nicht verallgemeinern oder behaupten, meine Erfahrungen seien übertragbar. Aber vielleicht bewirkt die Lektüre, daß mehr gefragt wird. Vielleicht hilft es einem Betroffenen, daß er weiß, nicht allein zu sein, mit seinen Gedanken und Leiden.

Die Vorstellung, daß mein Schicksal doch auch für irgend etwas gut sein muß, hat mich nie losgelassen. So viel Schweres ist durchlebt worden, aber noch viel mehr Gutes habe ich erfahren dürfen, so viel Glück in all dem harten Tagen.

Vor allem aber ist es Dankbarkeit, die mich jeden Tag auf das Neue packt.

Eine Rose im Garten öffnet sich und duftet - dankbar bin ich riechen zu können.

Mein kleiner Sohn hat einen seiner sehr seltenen Anfälle kuscheln zu wollen. Ich darf ihn streicheln, fühle seine Haare, kann ihn ein wenig kraulen - lieber Gott ich danke dir, daß meine Fingerspitzen noch fühlen können.

Die Brille verlegt, warum kann ich ohne nicht mehr lesen? Ungeduld, Ärger kommt hoch - stop sei dankbar, du hast Dein Augenlicht, kannst lesen und sogar ein Buch halten. Sicher ein thermischer Augenschaden, so nennt sich das, aber sind wir ehrlich mit den Jahren und so viel Stunden bei schlechtem Licht gelesen, das wäre ohnehin gekommen.

Der Rotwein schmeckt einfach köstlich zum Steak, die Zigaretten leider auch anschließend, also der Geschmackssinn ist nach wie vor bestens entwickelt. Wie alles im Leben hat auch dies einen Nachteil und dieser läßt sich auf meinen Hüften unschwer erkennen.

Im Hintergrund, während ich schreibe, erklingt Musik. Wenn ich schlafen möchte am Nachmittag, dann höre ich durch drei geschlossene Türen hindurch meine Söhne Unsinn reden. Typisch Mutter - also auch mit dem Gehör ist alles in bester Ordnung. Ja, ich habe alle meine fünf Sinne beisammen und der berühmte sechste klappt noch am besten.

Wenn die Tränen kommen beim morgendlichen Anblick im Spiegel oder wenn urplötzlich ein altes Foto auftaucht oder ein Freund aus Jungentagen wissen möchte, wie man denn jetzt aussieht, wenn die verkrümmten, steifen Finger versagen und ich partout die simple Plastikverpackung ohne Werkzeug nicht aufbringe, dann versuche ich sofort an die vielen guten Dinge zu denken. Klappt nicht immer, manchmal muß ein Tief durchlebt werden, aber oft funktioniert der Trick, ganz schnell im inneren Fernseher das Programm zu wechseln. Damit dies auch immer neue gute Programme auf Lager hat, versuche ich ganz intensiv jede schöne Minute zu speichern.

Es stimmt, was die Ärzte sagen. Es wird wirklich besser, es geht vorbei.

Nein, nicht alles, aber mehr als ich mir z.B. 3 Monate nach dem Unfall vorstellen konnte. Mir geht es auch viel besser, als ich nach einem Jahr zu hoffen wagte. Die Wichtigkeiten verschieben sich nach einem solchen Erlebnis. Meine Kinder lieben mich so wie ich bin, meine wahren Freunde stehen mir zur Seite, ich kann wieder fast alles tun und unternehmen, ganz ohne Hilfe (zugegeben mit geht vieles schneller und leichter). Keine dauernden Schmerzen, kein Jucken, keine neue Narbenbildung mehr. Im Gegenteil es wird immer noch ein bißchen besser. So und nicht anders ist es, rufe ich mich zur Ordnung, wenn das Selbstmitleid doch wieder einmal durchbricht, so ganz allein mit mir vor dem Spiegel.

Als irgendwann einmal die Aussage, noch während des ersten Krankenhausaufenthaltes, kam: "Zwei Jahre dauern die direkten Folgen eines Brandunfalls in der Regel" war ich hoffnungslos. Das kann man nicht aushalten so lange, diese Schmerzen, die Blasen, die ekelige Fettcreme, die Hilflosigkeit, die Entstellungen durch den Narbenzug, die Quälerei durch die Physiotherapeuten und so viel Schlimmes mehr.

"Aber es wird besser, Sie müssen Geduld haben. Wir helfen Ihnen, Sie lernen damit umzugehen." Geduld ist noch nie meine Stärke gewesen. Ebenso wenig wie um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen. Eigentlich wollte ich immer alles erst allein versuchen, selbstständig sein um jeden Preis. Gut, lernen, das kann ich. Aber dann gebt mir doch etwas zu lesen, damit ich über diese Brandverletzung etwas lerne.

Und was genau heißt besser? Wie werde ich aussehen im Gesicht, kann ich meine Finger wieder bewegen, je etwas allein machen, meine Kinder versorgen, mit ihnen toben, wieder Arbeiten, wieder Autofahren? Was wird werden? Diese Fragen sind ständig im Hinterkopf bei jedem Kontakt mit einem "Fachmann". Immer wieder versuchte ich im Gespräch mit jeder Schwester, jedem Arzt diese auszuhorchen - was wird sein? "Das können wir Ihnen mit Bestimmtheit nicht sagen, jeder Fall ist anders, entwickelt sich anders. Warten Sie ab, wir tun was wir können" Na wunderbar, diese Antwort hätte ich mir auch selbst geben können. Aber sie stimmt nun einmal - leider.

Mit meinen Schilderungen persönlicher Gedanken und Erfahrungen hoffe ich, bei anderen Vertrauen zu wecken für diesen Spruch: "Es wird besser". Ich weiß, er klingt immer so hohl, in jedem Stadium der Heilung, gerade in den ersten Monaten.

Alles zuvor Erlebte spielt bei der Bewältigung der Unfallfolgen eine Rolle.

Deshalb einige Informationen zu meinem "Steckbrief" oder "Background". Geboren im September 1959 (ordentliche Jungfrau und glückliches Schwein laut chinesischen Sternzeichen, für die in dieser Hinsicht interessierten Leser) in Hannover, als einzige Tochter recht "alter", frischverheirateten Eltern. Mein Vater war schon 46, als er erstmalig eine Familie gründete. Meine Mutter, eine geborene Helgoländerin wagte mit 38 noch die Schwangerschaft. So wuchs ich als behütetes Einzelkind, pendelnd zwischen Großstadt und unbeschwerten, eher ländlich angehauchten Inselleben auf. Kurz, ich hatte aus beiden Welten das Beste. Mit dem Vater reisten wir auf seinen geschäftlichen Terminen, soweit möglich, mit. Hotels, Restaurants und der Rücksitz unseres Autos waren mir ebenso vertraut, wie unser kleines Haus auf der rauhen Nordseeinsel.

So ist es nicht überraschend, daß ich nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Hotelfachfrau absolvierte. Eigentlich nur, um neben dem Studium her einen vollbezahlten Job zu haben. Eine Universität habe ich nie mehr von innen gesehen, sondern blieb in diesem Beruf hängen und machte Karriere. Lernte in dieser Welt Wolfgang Haenisch kennen, der 26 Jahre älter, mir für 13 schöne Jahre Lebensgefährte, bester Freund, Chef und Mentor wurde. Als 30 jährige bekam ich unseren ältesten Sohn, sechs Jahre später kam unser zweiter Sohn zur Welt. Mein Jüngster hat seinen Vater leider nie erlebt. Mein Lebensgefährte verstarb nach einer Herzoperation in den USA, als ich im 5. Monat schwanger war.

Nach den Kindern ist sein großer Freundeskreis, der mir bis heute die Treue hält, das größte Geschenk, das mein Lebensgefährte mir hinterließ. Dankbar und auch ein wenig stolz bin ich auf meine vielen, engen Freundschaften aus dem Kreis ehemaliger Mitarbeiter. Es ist für mich nicht vorstellbar, wie unsere kleine Familie heute dastehen würde, ohne all diese wunderbaren Menschen und ihre zahlreichen großen und kleinen Hilfen.

Meine Bilanz damals vor dem Unfall und auch noch heute

Insgesamt hatte ich vor meinem Unfall ein volles Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Ich konnte ihm immer die guten Seiten abgewinnen. Viel und harte Arbeit, vom Lehrling nach oben zur Chefin. Sich nichts schenken lassen und doch eine Zeit lang auch auf Händen getragen. Viel Erfolg, riesige Chancen, aber auch viel Verlust, Geburt und Tod. Geschäftliche Anerkennung, öffentliche Aufmerksamkeit in Presse und TV durch die vielen prominenten Gäste und Ereignisse in den verschieden Hotels, aber passend dazu auch Neid und Unverständnis. Zeiten mit keinem Pfennig mehr in der Tasche und auf dem Weg zum Pfandhaus gab es genauso, wie finanzielle Unbeschwertheit. Ich hatte eine wundervolle Kindheit, eine herrliche Zeit als junge Erwachsene auf der Suche und dann das große Glück aus einer harmonischen, aufregenden Beziehung, auch noch zwei gesunde Jungs zu erhalten.

Nach dem Tod meines Lebensgefährten mußte ich täglich die Hüte auf dem Kopf wechseln zwischen Hotelmanagerin, Geschäftsführerin, Testamentsvollstreckerin, Mutter, Tochter, Chefin und noch viele Rollen mehr. Das ganze noch in zwei Staaten, Deutschland und Amerika. Gerichtsprozesse, Schwierigkeiten mit Geschäftspartnern, Verpächtern und Banken galt es zu überwinden, denn als alleinstehende Frau mit zwei kleinen Kindern, unterliegt man sofort einer dreifach gründlichen Prüfung auf Intelligenz und Eignung. Meine Mutter, schwer krebskrank, verstarb nach Monaten häuslicher Pflege durch meinen unbeschreiblich starken, damals 86 jährigen Vater, kurz nach meinem 40. Geburtstag. So blieb zunächst keine Zeit zum trauern. Es gab keine private Aktivität über die Pflicht hinaus, kein Interesse am Aussehen.

Es kam dann der Punkt, daß viele meiner sog. "Kriegsschauplätze" abgebaut waren. In den Monaten vor dem Unfall, hatte ich einige Kilo abgenommen, war endlich wieder fit, fand mich auch selbst akzeptabel und strahlte dies aus. Davor lagen die bis dahin, im wahrsten und übertragenen Sinne, schwersten 5 ½ Jahre meines Lebens. Das gesellschaftliche Leben mußte auch wieder aufgenommen werden, denn die große Bankettabteilung des Schlosshotels, das ich persönlich führte, wollte gut gefüllt sein. Dafür war ich denn endlich bereit und freute mich auch wieder so recht am Leben. Es sollte nun wieder richtig vorwärts gehen.

Was genau geschah, in meiner Wohnung an jenem Januarabend 2001, ist zu lesen in einem Artikel mit dem Titel "Ein ganz normaler Brandfall". Meine Schilderung des Unfallgeschehens und Wohnungsbrandes wird darin sachlich aus Sicht eines Brandschutzexperten und der Feuerwehr kommentiert. (Hier auf der Web-Site bei Prävention unter dem Punkt Brandschutz, Feuer und Reaktion.)

Ein brennender Tannenbaum änderte abrupt und für immer nicht nur alle Planung, sondern auch mich, vor allem in der Optik.

Ja, ich erwähne erneut die Optik, sie wird immer wieder eine Rolle spielen. Natürlich liegt der Wert eines Menschen nicht im Äußeren. Dies wird auch von allen, ob Feind, ob Freund, ob nah daran oder weit weg, sofort, schnell und gern betont - aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

Brandverletzung, die steht jedem Betroffenen oft buchstäblich im Gesicht geschrieben und natürlich auch noch an den anderen Stellen, die sich nur schwer verdecken lassen. Arme, Hände, Ausschnitt. Dies sind nun einmal meistens die am schwersten betroffenen, weil im Unfallmoment unbedeckten, Körperpartien.

Wie habe ich denn selbst vorher auf "anders aussehende" Menschen reagiert? Es ist nun einmal allzu menschlich, der erste Eindruck zählt, dies ist nicht nur ein Spruch. Es ist von uns allen praktizierte tägliche Realität, bis der zweite Gedanke einsetzt, dann differenzieren wir stärker. Von diesem Verhalten nehme ich mich auch heute noch nicht aus. Wie schön - ich bin wieder "normal".

Manche Dinge ändern sich auch wieder nicht

Ich jedenfalls ertappte mich ca. ein Jahr nach dem Unfall, daß ich mich über einen Pickel im Gesicht ärgerte und über die kleine kahle Stelle am Hinterkopf, wo es die Haarwurzeln nicht geschafft haben. Ich mußte über mich selbst lachen: "Aber sonst hast du keine Sorgen?" Ja, ich machte wieder den gleichen, objektiv gesehen, Unsinn. Ich glaubte schon wieder meine Umwelt hätte nichts Wichtigeres zu tun, als den abgesplitterten Lack auf dem kleinen Finger zu sehen, oder die verrutschte Haarsträne oder die kleine Fettpolsterung mehr usw. Jede Frau kennt das und wenn die Herren mit sich ehrlich sind, geben sie es auch zu.

Als Kind und Jugendliche fand mich zu dick, nie hübsch, war nie mit mir zufrieden. Angemerkt hat mir diese tiefe Verunsicherung sicher so schnell niemand. Erziehung durch Eltern und Ursulinen auf der Schule und mein Beruf lehrten Selbstdisziplin. Man läßt sich nichts anmerken, behält Haltung und Fassung, gutes Benehmen ist immer angebracht - eben "wie es darin aussieht geht niemanden etwas an". Tatsächlich, erst durch die Liebe meines Lebensgefährten lernte ich mich, auch mit meinem Äußeren, zu akzeptieren. Später half die Liebe meiner Kinder, die mich nehmen wie bin.

Heute fünf Jahre nach dem Unfall, weiß ich um so mehr, wie dankbar ich sein muß, daß ich schon vorher gelernt hatte, mich voll und ganz anzunehmen. Ich hatte also schon Erfahrung im Umgang mit nicht perfekter Optik, denn das ist eine der großen Herausforderungen, die auf jeden Brandverletzten zukommt. Das ist nicht lächerlich, unwichtig, nein es ist ein Stück Bewältigung von Unfallfolgen, die auch zu geschehen hat. Zugegeben, vielleicht für eine junge Frau oder ein heranwachsendes Kind wichtiger, als für einen abgeklärten, älteren Mann, aber nie ohne Bedeutung.

Jedem, der selbst mit so etwas zu kämpfen hat, kann ich nur ans Herz legen zu forschen, wo in der Vergangenheit die Schulstunden lagen, die einem das Handwerkszeug dafür beibrachten. Ich mußte auch suchen, aber dann gelang es z.B. bei den bewältigten persönlichen Tragödien, den positiven Punkt zu sehen, nämlich, daß ich sie eben irgendwie überwunden hatte.

Petra Lubosch, Januar 2006

 

Thema zuletzt bearbeitet am 02.03.2006  |   © 2005 - 2012 CICATRIX e.V. - Regina Heeß  |   eMail an Webmaster / FlotteSeite.de

 

 


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