Durchgangssyndrom - dieser Begriff kennzeichnet eine Woche im Anschluss an das künstliche Koma. Ich pendelte zwischen Traumwelt und Realität hin und her, ohne es zu merken oder davon zu wissen.
Sehr schwierig nur war für Ärzte und Pfleger zu erkennen, was ist jetzt wache Äußerung in der Realität und was sagt die Patientin aus einer anderen Erlebniswelt heraus. Ich redete und reagierte, glitt aber gleichzeitig wieder weg. Ich hatte ein wohl ein sehr schweres und langwieriges Durchgangssyndrom. Als ich darin war, wußte ich nichts von einem solchen. Als ich erwachte, wurde mir erzählt, ich sei in einem Brandverletztenzentrum, schon seit Tagen und sei sehr schwer verletzt. "Sie haben sehr heftige Verbrennungen, aber es wird alles wieder. Sie sind ja wieder bei uns."
"So ein Unsinn!", dachte ich, "Wieso Verbrennungen? Es war doch nie eine Flamme an mir, ich kann gar nicht verbrannt sein. Ich habe eine Rauchvergiftung und ganz viele Splitter. Ich weiß doch was passiert ist." Das wußte ich wirklich sofort wieder und hatte plötzlich panische Angst. "Mein Gott, Du kannst dich nicht bewegen. Du bist blind, gelähmt, wenn es wieder brennt, kannst Du nichts tun. Wo sind die Kinder?"
Eine Antwort hörte ich schon nicht mehr, weiß auch nicht, ob ich nur dachte oder sprach, es ging wieder ab in eine Traumwelt. Aus dieser wurde ich aber ständig wieder geholt, entweder durch nötige Behandlungen geweckt oder selbst wach werdend. Aber immer wieder Panik, vor allem wegen der absoluten Bewegungslosigkeit. Von Kopf bis Fuß, bis auf die großen Zehen, war ich verbunden. Blind und fast taub durch den Kopfverband, völlig unfähig in den ersten Tagen auch nur den Arm zu heben. Ich konnte mich ja nicht sehen, dachte aber, ich sähe aus wie eine aufgeblasene Mumie mit Kabeln, Schläuchen und Drähten und schweren Gewichten an Kopf und Extremitäten.
Sprechen konnte man die Geräusche aus meiner Kehle kaum nennen, eher ein mühsames Krächzen, nur direkt am Bett zu verstehen. Wie also um Hilfe rufen? Wieder Panik! Die Tür meines Zimmers durfte deshalb, soweit ich mich erinnern kann, mindestens 10 Tage, nie geschlossen werden. Wenn sie jemand schloß, reagierte ich sofort panisch und hysterisch - schon wieder eine Tür, die ich nicht aufbekommen würde, genau so wie vom Zimmer in dem es gebrannt hatte. Als ich ein paar Tage später wenigstens den "Großen Onkel" nutzen konnte, um die Klingel zu drücken und aus dem Krächzen schon ein wenig Stimme geworden war, ging es besser. Aber eine geschlossene Tür ertrug ich noch lange nicht.
Es liegen diese ersten Tage nach dem künstlichen Koma noch sehr im Nebel, auch weiß ich heute einige Dinge nicht einzuordnen, geträumt oder Realität?
Die Träume ähnelten aber in keinster Weise den Szenarien während des Komas. Sie waren realistischer und keine Horrortrips. Ein Beispiel: Im Frankfurter Flughafen verhandelte ich mit Airlines und Ärzten, um einen Krankentransport nach Florida erreichen - das im Traum. Ich hatte die Vorstellung, daß im warmen Salzwasser des Atlantiks und im schönen Zuhause dort eine Heilung sehr viel schneller gehen würde. Ich wußte aber auch, daß ich nicht mehr viel Zeit hatte, das auszunutzen, denn einen Vorvertrag zum Verkauf des Hauses hatte ich kurz vor dem Unfall noch unterzeichnet- das war Realität.
Für mich war alles gleich. Zunächst kein Unterschied zwischen meiner schnellen Fahrt im Traum: liegend im Krankenbett durch den Flughafen zu einer VIP Lounge. Anschließend per Trage ins Flugzeug und dann die entsetzliche Ernüchterung - man konnte mich nicht die Wendeltreppe hinauf in die 1. Klasse des Jumbos bringen. In der Wirklichkeit sprach ich genau über die Preise eines kurzfristig gebuchten Tickets, wieviel Plätze ich selbst und der begleitende Arzt brauchen würden.
Es beruhigte mich in diesem Zustand ungemein zu wissen, es nahm mich jemand ernst und besorgte Infos. Dies tat ein befreundetes Arztehepaar, dem auf meine dringliche Bitte hin und weil ich so unruhig war, gestattet wurde, mich zu besuchen, obwohl eigentlich nicht zugelassen im hochsterilen Brandverletztenzentrum. Sie kümmerten sich tatsächlich darum, heraus zufinden, wie und ob eine Schwerstkranke überhaupt und zu welchen Kosten fliegen kann. Natürlich war ihnen klar, daß es sicher noch Wochen dauern würde, bis ich transportfähig wäre, teilten mir das aber besser nicht mit. Sie waren es auch, die den behandelnden Ärzten etwas Aufschluß darüber geben konnten, was von dem, was ich in diesen Tagen so von mir gab, einen realen Hintergrund hatte.
Die Ärzte im BVZ waren nämlich besorgt, daß ich geistig Schaden genommen hatte. Sie konnten nichts anfangen mit Florida, mit Anwalt telefonieren als wichtigstes wegen Hausverkauf, Hotel, Banken, Verpächter und wer sonst noch so informiert werden mußte, daß es mich noch gab und ich wieder "da" bin. Man wußte anfangs nichts über den Background der Patientin, auch nichts über den Unfallhergang.
Ich fühlte mich hilflos ungläubigen und abweisenden Reaktionen ausgeliefert, auf meine Bitten hin nach einem Telefon, nach Besuch von dem und dem. Ich war aggressiv und innerlich extrem unruhig, auch durch die, in meinen Augen mangelnde, Information und medizinische Aufklärung. Schließlich war und bin ich eine Geschäftsfrau, trage Verantwortung, bin Alleinernährerin der Familie. Mir war schnell klar, daß ich Gefahr lief, meine wichtigste Quelle für das Familieneinkommen zu verlieren, den Hotelbetrieb, den ich aktiv, aber nicht mehr als alleinige Inhaberin führte. Ich wußte, wie wichtig es ist, für die Beteiligten mich zu hören, klare Äußerungen zu bekommen. Ich fühlte, ich mußte schnellstens beweisen, mein Kopf ist klar, ich werde wieder, wenn auch nicht in gleicher Haut. Verzweifelt versuchte ich das den verschiedensten Betreuern klar zu machen. Aber immer nur die typische Reaktion: "Nun beruhigen Sie sich mal, es gibt jetzt als wichtigstes nur, daß Sie gesund werden, es läuft schon alles gut, auch ohne Sie, jetzt nehmen Sie erst einmal das und das und dann kommt der und der usw."
Ich fühlte mich wie ein leicht unterbelichtetes Dummchen behandelt, das in den Augen des Personals auch noch an gewaltiger Selbstüberschätzung litt. Ich wußte ja nicht, daß diese nichts von mir wußten, daß sie sich um meinen Verstand sorgten, denn mir waren die Phasen des Hin- und Hergleitens zwischen wach und dann wieder halb weg und ganz weg in der Traumwelt nicht bewußt und bekannt.
Es ist fast unvorstellbar, aber wahrhaftig das erste Klingeln des Apparates an meinem Bett, als er gerade eingestöpselt wurde, löste die ersten interessierten Fragen des betreuenden Personals aus. Eine Journalistin einer Berliner Tageszeitung war daran. Die Schwester, die mir den Hörer ans Ohr hielt, schloß aus meiner ablehnenden Reaktion: "Wie kommen Sie an diese Nummer? Ich gebe keine Interviews oder Kommentare, lassen Sie mich um Gottes willen in Ruhe", daß ich irgendwie prominent sein müsse. Da kam die erste Frage: "Wer sind Sie denn? Was ist Ihnen passiert? Wer ist das auf dem Bild?" Mein Vater hatte mir Bilder der Kinder gebracht. Eine kleine Collage, die ich ihm zu Weihnachten schenkte. Auf der Rückseite war auch ein Bild von mir und meinen Söhnen. "Was, das sind Sie?!"
Erst da begriff ich, daß man mir nicht übel wollte, sondern schlicht nichts wußte. Der Damm war gebrochen: "Meine Kollegin hat gesagt, stimmt das…..". Man war geschockt, wie jung ich war, wie ich vorher ausgesehen hatte, daß dies meine kleinen Kinder sind, daß ich ja wirklich mit Hotels zu tun hatte, daß da eine enge Verbindung zu Florida besteht usw. Man glaubte jetzt, daß wirklich ein Ministerpräsident versucht hatte, mich zu besuchen und Informationen zu bekommen, daß es Staatsbesuche gab, über die meine Stellvertreterin mit mir sprach. Dann tauchten Kopien von Zeitungsartikeln auf und kursierten "Sowieso-Chefin fast verbrannt" und ähnlich geschmackvolle Varianten.
Urplötzlich hatte ich Persönlichkeit und nicht nur Verbände. Auch das Verhalten gegenüber meinem 88-jährigen Vater wandelte sich. Denn immer wieder nun erzählte ich meine Geschichte, auch ungefragt und um Verständnis bettelnd, warum ich eben so und nicht anders "tickte".
Warum hat man mir nicht einmal erklärt, was ein Durchgangssyndrom ist. Sicher hätte ich auch im damaligen Zustand begriffen, daß Medikamente damit zutun haben. Ich konnte mir doch nicht erklären, warum ich so extreme Probleme hatte festzustellen, was ich wirklich erledigt bzw. gesagt hatte. Immer wieder stellte ich fest, ich hatte nicht. Aber ich konnte mich doch erinnern!
Es war furchtbar für alle, besonders für meinen Vater und meine Stellvertreterin aus dem Betrieb, die mir auch damals schon eine sehr treue Freundin war. Diese beiden waren eigentlich als einzige zugelassen im "Hochsicherheitstrakt", wie wir später scherzhaft die absolut sterile Brandverletztenstation nannten.
Petra Lubosch, Februar 2006
Fachliche Information unter www.cicatrix.de/verbrennungen_durchgangssyndrom.html
Thema zuletzt bearbeitet am 17.01.2010 | © 2005 - 2012 CICATRIX e.V. - Regina Heeß | eMail an Webmaster / FlotteSeite.de