Bei einem Wohnungsbrand im Januar 2001 zog ich mir 2. und 3. gradige Brandverletzungen auf knapp 50% der Körperoberfläche zu. Der eingeatmete Rauch verursachte ein schweres Inhalationstrauma. Im Brandverletztenzentrum wurde ich 12 Tage in ein sog. künstliches Koma versetzt.
Im folgenden beschreibe ich meine ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse aus dieser Zeit. Sie lassen sich nicht allgemein übertragen, denn keinesfalls erlebt dies jeder Patient im künstlichen Koma so. Aber in vielen Gesprächen auf der Suche nach Information erfuhr ich, daß sehr häufig ähnliche Beobachtungen und Albträume von Patienten erzählt werden. Es ist auch keine angenehme Lektüre. Nur bei der Erinnerung an die Albtraumszenarien gibt es noch Punkte, wo ich die Rückbesinnung nicht zur Gänze ertrage und meinen inneren Fernseher sozusagen umschalte. Ich werde auch nicht die einzelnen Phantasien im Detail schildern. Würde ich alles aufschreiben, träte ich sofort in laienhafte Konkurrenz zu jedem Horrorschriftsteller.
Der Grund warum ich überhaupt darüber erzähle, liegt ausschließlich darin, Verwandte zu bestärken auf den lieben Menschen, der anscheinend nichts mitbekommt, positiv am Krankenbett einzureden. Ich möchte alle daran erinnern, daß der Patient unter Umständen sie hört, versteht, etwas spürt und sogar sieht. Ich glaube keiner kann sagen, wann, was und wieviel. Daher sollte einfach immer angenommen werden, hier liegt ein wacher, verständiger Patient.
Ein Philosoph der Frührenaissance, Montaigne, hat das Leiden von Menschen im Koma folgendermaßen nachempfunden:
Genauso habe ich es erlebt. Heute nach fünf Jahren kann ich ohne Probleme über den Unfall an sich berichten, auch genau über die Gefühle und Gedanken in höchster Lebensgefahr. Aber die Erinnerung an meine Erfahrungen im "künstlichen Koma" schnürt noch heute die Kehle zu. Manche werde ich wohl nie erzählen. Vieles erlebe ich beim Schreiben ganz plastisch nach, so wie irgendeine andere "reale" Erinnerung. Es macht in der rückwärtigen Betrachtung, keinen echten Unterschied, daß ich vom Verstand her weiß, daß dies alles drogeninitiierte Phantasien waren. Mein Puls geht schneller, die Angst kriecht im Hals hoch, der Ekel ruft Gänsehaut vor (da wo ich noch welche haben kann), das Herz schmerzt. Daß dies möglich ist, habe ich nach dem Tod meines Lebenspartners, vier Jahre vor meinem Unfall, schon erlebt. Der seelische Schmerz äußerte sich in "echten" Herzschmerzen und Atemnot.
Auch hätte es mir nach dem Aufwachen sehr geholfen, hätte ich gewußt, daß es Wirkstoffe bei der Langzeitnarkose und Schmerztherapie gibt, die solche Phantasien auslösen konnten. So war ich den qualvollen Erinnerungen allein ausgesetzt, hatte Angst vorm Schlaf mit weiteren Albträumen. Ich war entsetzt und schämte mich, daß ich solcher Traumbilder überhaupt fähig war und sprach mit niemand darüber. Heute weiß ich, daß der Wirkstoff Ketamin solche Albträume auslösen kann. Ich will auch die Entscheidung der hochspezialisierten Anästhesisten, die mich im künstlichen Koma betreuten, keinesfalls in Frage stellen oder kritisieren. Die möglichen Folgen von Ketamin sind hinreichend bekannt und daher wird dieses Mittel sicher nur eingesetzt, wenn es unbedingt sein muß.
Ich entsinne mich nur an eine einzige schöne Phantasiewelt, vermutlich während des Transportes im Sanitätswagen zum örtlichen Krankenhaus. Sie spielte in der Kulisse der mir recht vertrauten Karibik. Aus dieser wurde ich jäh heraus gerissen, gegen meinen Willen. Eine gleißend helle, quadratische Lampe war direkt über mir und man zerrte an mir herum. Ein Mann brüllte mich an: "Wissen Sie wo sie sind?" Ob er tatsächlich brüllte, weiß ich nicht, aber ich sagte - zumindest innerlich: "Natürlich, dumme Frage, im Krankenhaus" Ich fühlte mich erleichtert, ich wurde versorgt. Dann kam noch eine Frauenstimme: "Wir verlieren sie wieder, wo bleibt denn das …?" Ich spürte Panik, Hektik um mich herum. Dann keine Erinnerung mehr in diesem Zusammenhang. Wochen später suchte ich im Brandverletztenzentrum in den verschiedensten Räumen nach dieser Lampe und fand sie nicht. Aber Monate später dann im örtlichen Krankenhaus, wo die Erstversorgung stattfand.
Alle anderen Phantasien, die ich mich danach durchlebte, waren nur noch furchtbar. Mal waren sie mehr auf der Ebene des psychischen gequält Werdens angesiedelt. Menschen, von denen ich glaubte, sie lieben mich, wandten sich ab oder durchquerten mit einem teilnahmslosen Blick den Raum, in dem ich hilflos und um Hilfe rufend lag. Mal wurde ich konkret traktiert mit Dingen oder Tieren, vor denen ich in der Realität schon Ekel hatte. Alles spielte sich in unterschiedlichen "Kinofilmen" ab und leider hatte ich immer eine Hauptrolle - als Opfer.
Fröhliche Gespräche und Lachen von weiblichen Stimmen. Es ging um Nagellack und zwar meinen, den ich auf den Zehen trug. Die waren nur ein wenig betroffen. Es ging um die Farbe und die Tatsache an sich. Und dann zwickte man mich ständig in den großen Zeh. Der spielte ohnehin eine große Rolle in meiner Phantasie. Er war das einzige Körperteil, welches ich bewegen konnte und ich versuchte zu diesen lachenden Frauenstimmen durchzudringen: ich lebe noch, ihr könnt mich nicht herrichten für die Beerdigung, denn das war in der Phantasie ihre Aufgabe. Ich versuchte mit aller Willenskraft den großen Zeh zu bewegen als Zeichen, daß ich noch lebe. Eine Frau bemerkte es, wollte jemanden rufen, ließ sich das aber von den anderen wieder ausreden, dann machten sie Gott sei Dank eine Mittagspause, ließen mich allein liegen und ich "übte" Zeh bewegen.
Diese Phantasie hatte einen konkreten Auslöser. Die lachenden Frauenstimmen erkannte ich beim Pflegepersonal ganz genau wieder, besonders in der Zeit, wo ich ausschließlich wegen der Verbände auf mein Gehör angewiesen war. Ja und für die "tragende" Rolle des "Grossen Onkels" gab es eine ganz simple Erklärung. Die Sauerstoffsättigung des Blutes wird ständig gemessen mit einer kleinen Krokodilspange, die man den Patienten an einen Finger oder eben, wie bei mir, an den einzig freien Körperteil nämlich an einen großen Zeh klemmte und regelmäßig wechselte. Ob die Damen sich nun tatsächlich über die Tatsache lackierter Zehennägel unterhielten, weiß ich nicht, ist auch völlig unerheblich. Was bleibt ist die Tatsache, daß der im Koma liegende Patient fröhliche Unterhaltungen an seinem Bett, die ihn nicht betreffen und bei denen er ignoriert wird, irgendwie unangenehm spürt. Zumindest bei mir war es so.
Ein anderes optisches Detail spielte in einer anderen Phantasiegeschichte eine Rolle und zwar die Lüftungsschlitze der Klimaanlage an der Decke. Im Zuge erster vorsichtiger Gehversuche mit einem Nachtpfleger zeigte mir dieser auf meine Bitte hin die sog. Brandbetten, Boxen, in denen ich versorgt worden war. An der Decke erkannte ich dann die Muster, die im Sand eines anderen Szenarios abgedrückt waren, wie Stempel in den Aschenbechern vor den Aufzügen amerikanischer Hotels.
Die OP-Kleidung wurde zu blau-grünen Gestalten aus Raumschiff Enterprise Welten, die mit irgendwelchen Geräten und Dingen in mich hinein, speziell in mein Gehirn wollten. Das Abwickeln eines selbstklebenden Verbandes von der Rolle, machte ein ratschendes unangenehmes Geräusch, ähnlich einer kratzenden Säge. Dieser Verband wurde wohl ausschließlich für den Kopf benutzt und dazu mußte ich am Nacken angehoben werden. Ich überlasse es der Vorstellungskraft des Lesers, welche Phantasien dies bei mir auslöste.
Die ununterbrochene Geräuschkulisse, die von den verschiedensten Kontrollgeräten ausgelöst wird, an denen man als ein solcher Patient hängt, drang natürlich auch nicht positiv zu mir durch. Ein grauenvoll aufschreckendes, lautes Klingeln hatte eine unheimliche Konsequenz in der Phantasiewelt, so daß ich bald ausflippte vor Angst, als ich dieses Geräusch, dann im wachen oder besser halbwachen Zustand erstmalig erlebte. Immer wieder kam dieses Erschrecken, bei bestimmten Geräuschen später als "wacher" Patient.
Aus den Klinikberichten weiß ich um zwei schwere Krisen, die ich während des künstlichen Komas durchmachte. Besonders die zweite ging wohl nur um Haaresbreite noch gut. Diese Krisen fanden ihren Niederschlag auch in besonders plastischen, kämpferischen "Erlebnissen", die ich in der Phantasie hatte. Sie spielten jeweils in einem anderen Umfeld, unterschieden sich deutlich voneinander und sind mir heute noch mit zahlreichen Details in Erinnerung. Die zweite schwere Krise, erlebte ich in der schlimmsten meiner Phantasiewelten. Ich kämpfte ums Überleben, am Ende dann kämpfte ich nur noch darum, nun endlich gehen zu dürfen und in Gnade aufgenommen zu werden, ich konnte nicht mehr kämpfen.
Wichtig ist, daß hier ganz entscheidend wieder etwas zu mir durchdrang. Die Stimme meines Vaters nämlich, der entgegen den wohlgemeinten Ratschlägen des Personals, sich doch zu schonen, stundenlang an meinem Bett auf mich einredete. Als ich (in der Phantasiewelt) völlig aufgegeben hatte, hörte ich ihn: "Du darfst leben". Du darfst nicht du mußt. Das gab den entscheidenden Anstoß, es noch einmal zu versuchen, noch einen letzten verzweifelten Anlauf zu machen, um am Leben zu bleiben in meiner Phantasiewelt, obwohl jede Sekunde mit reinen Qualen gefüllt war. Danach weiß ich nichts mehr. An jenem oder den nächsten Tag holten sie mich zum ersten Mal aus dem künstlichen Koma heraus.
Sicher habe ich wichtige Energien vergeudet durch die ständige gedankliche Auseinandersetzung mit den Traumwelten. Besonders in den ersten "wachen" Wochen. Scham und Entsetzen über mein grausames Unterbewußtsein beschäftigten mich. Auch die Angstzustände während des Durchgangssyndroms wären längst nicht so arg gewesen, hätte ich gewußt, daß diese Träume nicht wiederkommen im Schlaf, daß ich die diversen Alarme und Klingeln nicht als mögliche erneute Auslöser fürchten muß und daß die nächste Vollnarkose nicht gleiches Entsetzen beschert.
Persönlich wünsche ich allen Angehörigen eines Patienten im "Künstlichen Koma", daß sie gut und umfassend aufgeklärt werden über den Zustand und die mögliche Wahrnehmungsfähigkeit des Patienten und wie wichtig die richtigen Worte und Berührungen sein können. Allen Patienten wünsche ich, daß auch sie hinterher informiert und vorsichtig befragt werden nach Erinnerungen oder Albträumen, während ihrer Zeit unter Einfluß von Narkose- und Schmerzmitteln. Vor allem dann, wenn Ketamin eingesetzt werden mußte.
Petra Lubosch, Januar 2006
Fachliche Information unter www.cicatrix.de/verbrennungen_intensivstation_koma.html
Thema zuletzt bearbeitet am 17.01.2010 | © 2005 - 2012 CICATRIX e.V. - Regina Heeß | eMail an Webmaster / FlotteSeite.de