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Kontakt: CICATRIX e.V. - Regina Heeß
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Psychologische Betreuung

Nach meinem ziemlich intensiven Durchgangssyndrom blieben Panikattacken ein Problem. Ich konnte geschlossene Türen nicht ertragen und verweigerte Operationen. Ich brauchte psychologische Betreuung und Hilfe.

Damals gab es noch keine feste Psychologin im Team auf der Brandverletztenstation. Eine Psychologin wurde für mich angefordert. Nicht nur war ich sicher eine sehr anstrengende Patientin für die Pflegekräfte, ich wollte mich partout nicht wieder operieren lassen. Meine Zustimmung als halbwegs "klarer" Patient war aber nötig für die nächste OP zur weiteren Hautdeckung.

Für meine Weigerung gab es mehrere Gründe. Die Angst vor neuerlichen Horrorträumen und Angst vor der Narkose an sich. Diese war für mich seit der ersten By-Pass Operation meines Lebenspartners, genau 10 Jahre zuvor, ein reiner Angstmacher. Ich war damals auf der Intensivstation, als er allmählich und Stunden zu spät erwachte, sich dann gegen den Intubationsschlauch so stark wehrte, ihn herausreißen wollte, so daß er fixiert werden mußte. Diese Angst und Panik in seinen Augen werde ich nie vergessen.

Mehr als fünf Jahre später, bei den vorbereitenden Gesprächen für seine zweite Herzoperation in den USA, empfand er wieder die Narkose als die eigentliche Bedrohung. Die betreuende Schwester, die mich während der OP ständig über den Fortgang informierte, kam dann auch mit der Meldung, daß es einfach unmöglich war, ihn auf normalem Wege zu intubieren. Sie mußten einen Luftröhrenschnitt machen. Ich weiß noch, wie erleichtert ich dies hörte, bedeutete es doch, daß er nicht mit diesem Schlauch im Mund und dem Gefühl nicht atmen zu können aufwachen mußte. Neun Stunden später wußte ich, er würde nie mehr aufwachen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen sein Herz von der Maschine weg zum selbständigen Arbeiten zu bringen, gab man auf. Ich war immer davon überzeugt, natürlich ohne jede medizinische Grundlage, daß insgesamt 12 Stunden Narkose damit etwas zutun hatten.

Außerdem sollte am geplanten OP-Tag in meinem Hotel der 80. Geburtstag eines Freundes gefeiert werden. Ich wollte keinesfalls, daß mir ausgerechnet an diesem Tag etwas passiert. Meine Freunde die Feier nur gedrückt oder in ständiger Erwartung von Nachrichten verbringen würden und dann womöglich noch sein Geburtstag für immer mit meinem Schicksal belastet worden wäre. Auch meine Familie war dabei, mein Vater hatte versprochen die Festrede zu halten. Man mußte schon sehr viel auf mich einreden, um mir klar zu machen, daß erstens der Termin und zweitens die Tatsache einer weiteren OP an sich, unabdingbar waren. Eine erfahre OP-Schwester aus dem Freundeskreis, deren Mann das Geburtstagskind war, ein befreundetes Arztehepaar, mein Vater, die Psychologin, alle redeten auf mich ein. Ich war nun endlich halbwegs klar und sollte schon wieder ausgeknockt werden? Kommen die Träume wieder?

Diese erste bewußte Zustimmung zur OP, mit all den Aufklärungsgesprächen über die damit automatisch verbundenen Risiken, war die erste große Hürde, die es für mich zu überspringen galt.

Ausschlag gab das Argument, daß meine Chancen, ohne diese weitere Hautdeckung der Infektion zu entgehen, sehr viel geringer waren: "Ohne diese OP überleben Sie wahrscheinlich nicht und dann haben Ihre Kinder Sie auch nicht mehr. Sie müssen dem Leben eine Chance geben." Brutal, aber wirksam diese Äußerung eines Anästhesisten, unwichtig heute, ob sie stimmte. Unzählige Vollnarkosen folgten in den kommenden Monaten und Jahren, alle problemlos, nie wieder Träume. Als ich irgendwann die Rechnung des Unfallkrankenhauses von der Anästhesie studierte, hörte ich bei über zwanzig Vollnarkosen auf zu zählen.

Grundsätzlich stand ich psychologischer Betreuung zwar aufgeschlossen, allerdings mit der gleichen Begeisterung wie dem Zahnarzt, gegenüber. Ich brauchte aber Hilfe und erhielt sie auch. Es ging um die Panikattacken. Gleich nach dem ersten der ca. 4 Gespräche mit der Psychologin konnte sie mir mit einem Medikament helfen und außerdem dem Pflegepersonal erklären, warum ich eine geschlossene Tür nicht ertrug. Genau das war nämlich der Grund gewesen, daß ich in einem brennenden Raum so schwer verletzt wurde. Ich bekam die Tür nicht auf! Medikament und Verständnis halfen innerhalb weniger Tage.

Folgende Fragen beschäftigten mich in erster Linie:

Für den Umgang mit dem Erlebnis bekam ich einen ganz praktischen Rat, der sehr hilfreich war. Erinnerungen nicht herbeirufen, aber geschehen lassen bis zum Punkt des Unerträglichen. Wenn dieser erreicht ist, umschalten auf gute Erinnerungen und Bilder. Auch sonst, immer wieder versuchen, sich in eine besonders glückliche Situation hinein zudenken, mit Gerüchen, Tönen und Gefühlen.

Das gute "Fernsehprogramm" muß immer gleich parat sein und ich sollte stets daran arbeiten, viele verschiedene davon zu produzieren. Irgendwann einmal könnte ich dann ertragen, mich an alles zu erinnern und dann auch darüber zu sprechen. Bei jedem dauere dieser Prozeß unterschiedlich lang. Soweit ihr Rat. Es klappte. Zeit hatte ich als Kafkascher Käfer auf dem Rücken, ja genug. Ich arbeitete an meinen schönen Bildern im Kopf, ein wenig a la Traumschiff -Fortsetzungsgeschichten.

Stück für Stück wurde es besser, die Tür durfte schon angelehnt werden, ich erzählte meinen beiden Besuchern so einiges, später konnte ich die Fragen des Personal nach Unfallhergang usw. beantworten, ich schaffte es auch mir mein eigenes Bild vor dem Unfall anzusehen - eine weitere Hürde! Als die ersten kleinsten Bewegungen mit einem Finger möglich waren, bekam ich eine Fernbedienung für den Fernseher. Ziemlich sinnlos, er blieb aus. Unglaublich wie oft es brennt im Fernsehen und dies zu sehen, war mir ganz unmöglich. Aber auch das war einige Wochen später kein Problem mehr. Seit dem Unfall erlebte ich zwei Pfannenbrände, einmal als Zeugin, einen selbst gelöscht. Beide Male keine Panik, sondern nur reichlich Adrenalin.

Sorgen um die Kinder

Auf meine Frage nach den Kindern erhielt ich eine ebenso einfache, wie stimmende Antwort. "Ihre Söhne sind nur froh, daß Sie noch da sind. Wie Sie aussehen ist ihnen zunächst völlig egal. Gehen Sie so normal wie möglich mit ihnen um. Fragen Sie am Telefon, was Sie auch sonst gefragt haben, wenn sie verreist waren. Erzählen Sie nicht ungefragt, aber beantworten Sie die Fragen nach Ihrem Zustand, dem Unfallabend oder der Zukunft altersgerecht und wahrheitsgemäß. Ihre Stimme zu hören, ist schon genug für jetzt."

Es blieb noch die Frage nach Betreuung durch einen Kinderpsychologen. "Hören Sie von ungewöhnlichen, veränderten Verhalten der Kinder jetzt? Sie selbst kennen sie am Besten und werden spüren, was gebraucht wird. Bleiben Sie sensibel und beobachten Sie genau, aber versuchen sie nicht, das Gras wachsen zu hören. Ihre Kinder sind doch in guten Händen untergebracht, vertrauen Sie auf die Selbstheilungskraft der Seele und Ihrem eigenen mütterlichen Instinkt"

Auch dies stellte sich bis heute als das richtige Rezept heraus. Die Jungs waren zwar getrennt bei liebevollen Familien aus dem Freundeskreis untergebracht, aber sie trafen sich häufig. Die Trennung schien sogar hilfreich, denn zwischen einem vierjährigen und einem zehnjährigen liegen Welten in Art und Umfang der Information. Mein Ältester hatte ja auch den Tod des Vaters mit 6 Jahren verarbeiten müssen. Für ihn hatte mein Unfall so noch eine ganz andere Dimension. Natürlich gab es Stimmen, die mir rieten beide sofort zu einem Kinderspezialisten zu schicken, aber ich entschied mich abzuwarten. Als Beweis für die Beiden, daß Mama wieder okay ist, veranlaßte ich, daß sie in den Winterferien mit einer Freundin zum Skifahren verreisen konnten. Es wirkte Wunder, Mama die Hotels und Reisen organisiert und am Telefon über genügend Mützen und Schals spricht/nervt, wird wieder gesund.

Allen bin ich zutiefst dankbar, die mir und den Kindern in dieser Zeit zur Seite standen. Aber ganz besonders die schlichte, pragmatische Art, mit der mir die Psychologin half, wird mir immer bestens im Gedächtnis bleiben. Sie verschrieb im übertragenen Sinn, die richtigen Medikamente, deren Wirkung bei den Kindern und mir bis heute anhält.

Petra Lubosch, Februar 2006

 

Thema zuletzt bearbeitet am 02.03.2006  |   © 2005 - 2012 CICATRIX e.V. - Regina Heeß  |   eMail an Webmaster / FlotteSeite.de

 

 


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