"Geduld ist ein Pflaster
für alle Wunden."
(Miguel de Cervantes)

 

Percutane Collagen-Induktion (PCI) oder Medical Needling 

Die Fortschritte in der Therapie Brandverletzter der letzten Jahrzehnte beruht nicht zuletzt auf der Existenz spezieller Behandlungszentren und einer intensiven klinischen Forschung. Während gute Erfolge in der Akutversorgung des Brandverletzten erzielt wurden, ist die Stigmatisierung des Verletzten durch seine Verbrennungsnarben geblieben. Die entstandenen Verbrennungsnarben stellen weiterhin ein ernstzunehmendes physisches und psychisches Problem für den Patienten dar. Der Weiterentwicklung und Forschung im Bereich Wundheilung und Narbenbehandlung kommt daher ein immenser Stellenwert zu.

Die Behandlung von Verbrennungsnarben mit "größeren chirurgischen Eingriffen" wie Expanderimplantation, mehrmalige Hauttransplantationen oder Lappenplastiken ist oft mit langen stationären Aufenthalten oder einer erneuten hohen psychischen Belastung für die Patienten verbunden. In den letzten Jahren sind daher Methoden wie das Laser-Resurfacing oder chemische Peelings immer mehr in den Mittelpunkt gerückt worden. Jedoch handelt es sich bei dem Laser-Resurfacing oder den Peelings oft um abtragende oder "abschleifende" Verfahren, die die Oberhaut verletzen oder zerstören und die Basalmembran der Haut schädigen.

Gängige Verfahren verdünnen die Oberhaut

Durch die entstandene oberflächliche Wunde wird die Wundheilungskaskade induziert. Nacheinander, aber auch überlappend werden eine Exudations- (Entzündungs-) phase, Granulations- (Proliferation) und Epithelisierungsphase durchlaufen. Die durch die Dermabrasio induzierte Entzündung stimuliert bestimmte Hautzellen (Fibroblasten) zur Produktion von Narbenkollagen anstelle einer normalen Haut (Kollagen-Elastin-Matrix). Durch die daraus resultierende Narbe in der Lederhaut kommt es zur Hautstraffung oder Narbenglättung. Histologisch betrachtet ist die regenerierte Oberhaut jedoch ausgedünnt und die Verbindeschicht zwischen Oberhaut und Lederhaut abgeflacht. Die Haut wird anfälliger gegenüber UV-Strahlen und gerade bei dunkleren Hauttypen besteht eine höhere Gefahr  Pigmentverschiebungen. Als größtes Manko ist jedoch die Gefahr einer erneuten Narbenbildung zu betrachten.

Neue Hoffnung durch Medical-Needling

Stichtiefe der Nadeln

Die ideale Therapie jeglicher Art von tiefen Verbrennungsnarben sollte daher die Expression körpereigener Gene und Proteine der Haut steigern, ohne dabei die Haut signifikant zu verletzen. Vor kurzem wurde von Dr. Matthias Aust im Labor für experimentelle Plastische Chirurgie in der Medizinischen Hochschule Hannover nachgewiesen, dass die perkutane Kollageninduktionstherapie oder Mikronadel-Methode uns diesem Ideal näher bringt.

während der OperationDie natürliche Entzündungsreaktion in der Haut wird durch einen mit 3 mm langen Nadeln besetzten Roller induziert. Während der Operation fährt der Plastische Chirurg mit dem Instrument unter kontrolliertem Druck vertikal, horizontal und diagonal über die Haut des zu behandelnden Areals. Die Nadelstiche erzeugen Tausende von Mikrowunden in der Lederhaut und regen so Hautzellen (Fibroblasten) zur Kollagenproduktion an. Das Medical Needling kann an allen Körperregionen und bei allen Hauttypen angewandt werden. Der Eingriff kann entweder unter Lokalanästhesie oder in Kurznarkose durchgeführt werden.

Direkt nach der perkutanen Kollageninduktion ist das behandelte Gebiet geschwollen und wie bei einem blauen Fleck verfärbt. Nach wenigen Minuten ist die  Blutung spontan gestoppt. Über die Stichkanäle sondert die Haut binnen der ersten Stunden Wundflüssigkeit ab. In der Zeit sollten feuchte Kompressen auf die Haut gelegt werden, um eine Krustenbildung zu vermeiden. Ca. eine Stunde nach der Operation wird die Haut mit einem Teebaum-Waschgel gereinigt. Empfohlen wird eine lokale Vitamin A- und Vitamin C-Therapie zur Maximierung der Kollagenproduktion und zur Freisetzung von Wachstumsfaktoren. Der Eingriff ist für den Patienten äußerst schmerzarm. Nach etwa einer Woche ist die Schwellung kaum noch zu sehen.

Vorteile überwiegenAnsicht der Wachstumsfaktoren

Ein Vorteil des Medical Needlings liegt darin, dass die Patienten, nachdem lediglich die Oberhaut und die Basalmembran durchstochen werden, schon nach wenigen Stunden wieder geschlossene Wundverhältnisse aufweisen. Dies minimiert das Risiko einer Infektion und verkürzt die Heilungsphase erheblich. Dadurch ist der Eingriff oft ambulant durchführbar. Dies ist insbesondere bei Patienten, die traumatische Erlebnisse ihrer Verbrennung mit dem Krankenhaus assoziieren, von Vorteil. Nicht zuletzt werden hierdurch auch die sozioökonomischen Aspekte wie geringe Behandlungskosten erreicht. Im Vergleich zu den anderen oben erwähnten Verfahren ist die sogenannte "Downtime" des Patienten äußerst gering.

In Laborversuchen konnte nachgewiesen werden, dass direkt nach der Operation ein Gewebestoff (TGF ß 3) freigesetzt wird, was zur narbenfreien Abheilung der Haut führt. Nachdem die auf der Basalmembran verankerten Zellen die für die Pigmentierung der Haut verantwortlich sind (Melanozyten) nicht verletzt werden, besteht kein Risiko einer postoperativen Pigmentverschiebung. Daher gilt das Minimieren des Risikos einer erneuten Narbentriggerung als einer der wichtigsten erzielten klinischen Vorteile. Nach dem Medical Needling werden in den ersten Monaten nach der Operation bestimmte, körpereigene Wachstumsfaktoren freigesetzt, die zu einer Regeneration der Oberhaut und Lederhaut führen.

Als einziger Nachteil gilt, dass die Operationen nur unter Anästhesie durchführbar sind und sich die Schwellung in den ersten vier bis sieben Tagen nach dem Eingriff als erheblich darstellt.

Aktuelle Forschung

5 Monate nach der OP

4 Wochen vor der OP

Da reine Vorher-Nachher-Bilder mit einem signifikanten Ergebnis oft und leicht in Frage zu stellen sind, entschloss sich die Arbeitsgruppe von Dr. Matthias Aust  zur Quantifizierung und Qualifizierung ihrer Ergebnisse im Labor. So konnte im Tiermodell nachgewiesen werden, dass es sich bei dieser Operationsmethode weltweit um die erste Operation im lebenden Organismus handelt, die in der Lage ist, die Haut zu regenerieren, narbenfreie Heilung zu ermöglichen sowie kein Risiko einer Pigmentverschiebung bildet.

Wir möchten unseren Lesern an dieser Stelle die Vorher-Nachher-Bilder unserer ehemaligen Präsidentin Regina Heeß nicht vorenthalten, die als Jury-Mitglied unseres ersten Studienpreises in Hannover geneedelt wurde. Beide Fotos sind in der Medizinischen Hochschule Hannover in der Fotodokumentation entstanden. Wir bedanken uns bei Herrn Prof. Dr. Peter Vogt für die Freigabe.

Erreichtes Ziel

Aufgrund der Ergebnisse an der Medizinischen Hochschule Hannover wird seit Mai 2007 von den gesetzlichen Krankenkassen die Narbenbehandlung durch Medical Needling bei Schwerbrandverletzten als Einzelfallentscheidung übernommen.

Siehe auch: Dr. med. Matthias Aust, Studienpreis 2009

Weitere Informationen

Weitere Informationen und Bilder finden Sie im (englischen) Artikel "Medical needling: improving the appearance of hyperthrophic burn-scars" auf www.clinicopathology.org im PDF-Format (ca. 3 mb) unter www.clinicopathology.org/.../2009-3/vmed000007.pdf

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