"Hoffnung und Freude sind die besten Ärzte."
(Wilhelm Raabe: Der Hungerpastor)

 

Unsere regionale Ansprechpartnerin Andrea Bronold absolvierte Visagistenausbildung und hilft Betroffenenandrea nachher

Knapp anderthalb Jahre nach meinem schweren Unfall kam die Zeit, in der die Aufenthalte in den Kliniken weniger wurden und ich wieder mehr daheim war. Auch die Gesichts-Kompressionsmaske musste ich nur noch nachts tragen. Dennoch sind die Spuren der Verbrennung immer noch deutlich sichtbar, Narben und Farbunterschiede von hell bis dunkelrot zieren mein Gesicht. Dermaßen pigmentiert im Gesicht wollte ich auf keinen Fall unter Menschen.

Aus diesem Grund machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Make-Up, um die Brandverletzungen abzudecken. Der Gang zur Kosmetikerin ist zwar für viele ganz selbstverständlich, aber in meinem Fall waren Scham und Angst aufgrund meines entstellten Gesichts viel zu groß.

Ich fühlte mich alleingelassen

Deswegen suchte ich im Internet nach Adressen von Kosmetikherstellern, schilderte kurz mein Schicksal und bat diese um Produktproben, welche bei Verbrennungsnarben benutzt werden können. Die Resonanz war groß und ich bekam viele kleine Päckchen. Nun ging's los. Ich experimentierte sehr lange, bis ich ein Produkt gefunden hatte, mit dem ich die Hautverfärbungen im Gesicht gut abdecken konnte.

Es eigneten sich nicht alle Produkte, denn viele deckten gar nicht oder nur dann, wenn man sehr viel davon auf eine Stelle auftrug. Darüber hinaus tauschte ich mit anderen betroffenen Frauen aus, welche Produkte eine hohe Deckkraft haben und wo es diese zu kaufen gibt. Irgendwann habe hatte ich dann ein Produkt gefunden, welches meine Ansprüche erfüllte und die gewünschte Deckkraft besaß.

Im Jahre 2007 bekam ich - nach beruflicher Reha zur Kauffrau im Gesundheitswesen - eine Stelle als Sekretärin in der Abteilung für Plastische-, Rekonstruktive-, - Hand-, und Verbrennungschirurgie im Klinikum München, Bogenhausen. Dort wurde ich immer wieder von Patientinnen nach Make-Up gefragt, mit welchem Narben abgedeckt werden können und was beim Auftragen zu beachten ist.

Der Gedanke anderen Betroffenen bei Bedarf zu helfen, ließ mich nicht mehr los. Anstoß war mein eigenes Schicksal und mein Beruf, in dem ich immer wieder mit Brandverletzten zu tun hatte. So kam mir der Gedanke, mit der Ausbildung zur Visagistin zu beginnen. Auch die Ärzte waren von meiner Idee begeistert und befürworteten das Ganze.

Kurz darauf bekam ich vom VFBB, einem Verein, der die Behandlung der Brandverletzten am Klinikum München Bogenhausen fördert, die Unterstützung für die Belegung eines Kurses zugesagt. Um in diesem Bereich für die Patientinnen und Patienten ehrenamtliche Hilfe anbieten zu können, suchte ich nach einer geeigneten Schule und fand schließlich die Schminkschule "Camouflage" von Claudia Völtl.

andrea vorher

andrea abendIm Juli 2009 begann ich die Intensivausbildung zur Visagistin

Da es sich speziell um Camouflage bei Brandverletzungen handelte, benötigte ich entsprechende Modelle, die wie ich im Gesicht Brandverletzungen erlitten hatten. Dies war das geringste Problem, denn schnell hatten sich zwei Modelle gefunden.

Die Einführung beinhaltete unter anderem Informationen über Pinsel und Schwämmchen. Daraufhin gingen wir zur Theorie über, die sich mit der Erkennung der individuellen Gesichtsformen und Konturen befasste. Den Schluss bildete die Praxis, die sich aus den Komponenten Vorbereitung, Abdecken mit Camouflage, Puder zum Fixieren, Rouge, fehlende Augenbrauen zeichnen und das Betonen von Augen und Mund zusammensetzte.

Es waren informative, lehrreiche, aber auch anstrengende Stunden, denn Camouflage ist viel mehr als nur Make-Up auftragen. Dennoch machte es mir sehr viel Spaß und bei Betrachtung der Fotos hat es sich auf jeden Fall gelohnt!

Da ich mich auch selbst mit Camouflage schminke, kann ich aus eigener Erfahrung und entgegen aller Vorurteile berichten, dass Camouflage das Gesicht nicht maskenhaft zukleistert. Im Gegenteil, ich persönlich fühle mich mit Camouflage in der Öffentlichkeit viel wohler als ohne. Erfreulicherweise ist nicht schon von weitem zu erkennen, dass mein Gesicht verbrannt ist, was mir wiederum Sicherheit gibt. Egal ob Job, Einkaufen, Behördengang, Weihnachtsfeiern, Urlaub, Rockkonzert oder Fußballstadion - ich fühle mich einfach sicherer mit meiner "Tarnung".

Adäquate Hilfe wird bereits im Brandverletztenzentrum empfohlen

Da ich selbst erlebt habe, wie aufwendig die Suche nach geeigneten Produkten ist, bin ich der Meinung, Betroffene sollten bereits in Kliniken adäquate Hilfe zu dem Thema erhalten. Am Anfang ist Camouflage für die Betroffenen zwar noch kein Thema, da man sich erst einmal mit der Situation auseinandersetzen und die Kompression getragen werden muss. Trotzdem sollten die Betroffenen über die Möglichkeit, was mit Camouflage optisch zu erreichen ist, informiert werden. Die Entscheidung, ob und wann man zur Camouflage greift, ist jedem selbst überlassen.

Zum Schluss möchte ich mich noch beim VFBB und Frau Claudia Völtl von der Schminkschule "Camouflage" sowie bei meinen beiden geduldigen Modellen bedanken.

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