"Wußten Sie schon, daß auf Krankenscheine auch Scheinkranke behandelt werden?"
(Werner Mitsch)

 

Ein ganz normaler Brandfall - Teil 2

Ein ganz normaler Brandfall - Persönliche Schilderung des Brandunfalls von Petra Lubosch, sachlich kommentiert von Fachleuten

2. Schilderung und Bewertung des Geschehens - Was ist passiert?

So lange ich denken kann, gab es zu Haus einen schönen großen echten Tannenbaum bis zur Decke mit ebenso echten, zahlreichen Kerzen. Dieses wunderbare Erlebnis, der duftenden Kerzen, ihr warmes flackerndes Licht, der erste Anblick des Baumes, hell erleuchtet am Hl. Abend, wenn das Glöckchen endlich den Eintritt in das gesperrte Weihnachtszimmer gestattete, war (und ist tatsächlich auch noch heute) für mich der Inbegriff von Weihnachten.

Diese Tradition behielt ich bei, vermittelte sie meinem Partner und natürlich Kindern. Die Aufgabe des Schmückens übernahm ich von meinem Vater, auch all seine Tricks und Vorsicht, z.B. wo an welchem Zweig die Kerzen, in welchem Abstand, befestigt werden durften. Der Baum war mit Draht in drei Richtungen an der Wand gegen Umfallen gesichert und stand in einem großen runden Ständer, mit Schrauben und Drahtumspannung am Stamm unten und im Wasser. Natürlich gab es immer Kommentare von Besuchern: "Ist das nicht zu gefährlich, das würde ich mich nicht trauen", aber eben auch: "Ich hätte nie gedacht, dass es so stimmungsvoll sein kann, ich danke dir für dies Erlebnis" und so fort.

An einem Samstagabend im Januar 2001, passierte dann eben doch einmal etwas. Der Baum war eine mächtige ca. 3,50 Meter hohe Nordmanntanne. Bestens gepflegt während der Adventszeit im Garten, dann in die schöne hohe Altbauwohnung verbracht und dort geschmückt mit goldenen und gläsernen Baumschmuck. Einmal zählten wir über fünfhundert Teile und mindestens 40 Kerzen.

An jenem Januarabend sollte er eigentlich abgeschmückt werden, aber ein letztes Mal sollten die Kerzen noch brennen dürfen.

Ich machte mich also daran, den Baum zu trimmen, entfernte Zweigspitzen, die zu weit herunterhingen, nahm ein Drittel der Kerzen weg, kurz kontrollierte beim Erneuern der Kerzen, dass die Abstände groß genug blieben.

Das Zimmer war rasch überheizt, alle Fenster vor der Januarkälte verschlossen, die Tür zum Flur auch, um eventuelle Zugluft zu vermeiden. Die Kerzen brannten friedlich während des gemeinsamen Abendbrotes, die Kinder wollten anschließend "Der Affe Charly" sehen, mein Vater oder ich behielten stets den Baum im Auge.

Plötzlich ein Knistern, der alleroberste Zweig hatte Feuer gefangen, vermutlich Selbstentzündung durch die zu hohe Wärme unter der Decke, jedenfalls war keine Kerze umgefallen, schief oder direkt darunter.

Selbstentzündung ist unwahrscheinlich. Diese tritt erst bei Temperaturen von > 200 °C bei einer Einwirkdauer von mehreren Stunden bis Tagen auf.

Trainiert durch viel Übungen im Hotel, behielt ich die Ruhe, schickte die Kinder sofort in die hinterste Ecke des weitläufigen Gartens, eigentlich noch nicht in großer Sorge, mehr um zu verhindern, dass der damals vierjährige Kleine Angst vor Kerzen bekäme.

Dieses Vorgehen ist absolut umsichtig, wie überhaupt das Verhalten zunächst stark rational geprägt und vorbildlich war.

Ein kurzer Löschversuch von mir mit einem Eimer Wasser brachte nichts, von unten gießt sich Wasser eben schlecht.

Dies ist ein bekanntes Problem. Der Eimer Wasser gibt eine "Pseudo-Sicherheit" reicht aber meist nicht aus. Zu empfehlen sind Feuerlöscher mit einem Wasser-Schaum-Gemisch.

Die beiden Parteien in den beiden Geschossen über mir waren schon aus ihren Wohnungen geholt und die Feuerwehr über Handy alarmiert.

Wiederum ein Beispiel für umsichtiges und vorbildliches Verhalten.

Wieder hinunter in den Garten und kontrolliert, ob alle in Sicherheit sind, sogar nach dem Hund der älteren Dame über uns fragte ich, aber mein Vater fehlte. Natürlich rannte ich wieder hinauf, vermutete ihn noch bei einem Löschversuch im Wohnzimmer.

Frau Lubosch überlegte vor dem Hinauflaufen, ob sie sich in die Regentonne eintaucht, was aber nicht ging, da diese zugefroren war.

Er war aber im daneben liegenden Büro. Dort konnte ich seine Silhouette vor dem Fenster durch die Straßenbeleuchtung gerade noch erkennen und mit einem Schrei ihm am Öffnen des Fensters hindern.

Das Öffnen des Fensters wäre zu diesem Zeitpunkt nach den vorliegenden Informationen noch richtig gewesen und hätte eine thermische Entlastung des Brandraumes bewirkt. Hier dominierte bei Frau Lubosch, wie auch bei vielen anderen fachfremden Personen das, aus anderen Zusammenhängen bekannte Stereotyp "Fenster und Türen geschlossen halten".

Doch vom Schwung getragen war ich schon im Brandzimmer, wollte sofort wieder hinaus, doch mir knallte die Tür vor der Nase zu.

Hier wird deutlich, dass Frau Lubosch - verständlicher Weise - bereits emotional tief in das Geschehen eingebunden war. Ihre rationale Vorgehensweise und Ihr gutes Vorwissen führten bis zu diesem Zeitpunkt zu einem sehr guten Umgang mit der Situation. Die plötzlich aufkommende Sorge bewirkte jedoch anscheinend, dass sie sich keine Zeit mehr für die richtigen Entscheidungen ließ. Das beschriebene "vom Schwung getragene" Vorbeistürzen an dem Zimmer, in dem sich Ihr Vater befand, kennzeichnet die Veränderung dieser inneren Einstellung. Stress ist das maßgebliche Element in dem Systemkomplex "Brand-Bauwerk-Menschliches Verhalten".

Das eigenständige Zuknallen der Tür ist nicht ganz nachvollziehbar, kann aber durch ein Zusammenwirken mehrerer Einflüsse entstanden sein. Einer davon: Die entstehende Luftströmung. Vom Brandraum ausgehend besteht durch den Druckunterschied zu angrenzenden Räumen im oberen Bereich der Tür eine auswärts gerichtete Luftströmung, welche einen Einfluss auf die Türbewegung gehabt haben kann, wobei im unteren Bereich der Tür jedoch gleichzeitig eine entgegengesetzte Strömung in Richtung Flamme anzunehmen wäre, die diesem Impuls entgegen wirkt.

Ärmel vom Hausanzug heruntergezogen, an der Tür gerüttelt, ging nicht auf.

Es gibt zwei Gründe, warum Frau Lubosch den Ärmel herunterzog.

a) hatte sie die Information verinnerlicht, daß Türgriffe im Brandfall heiß sein können (was hier aufgrund der aus den Fotografien [vgl. Foto 2] ableitbaren Temperaturbeanspruchungen auszuschließen ist) und

b) sind in Hotelrestaurants beim Flambieren am Tisch Kupferpfannen mit Messingstil in Gebrauch. Frau Lubosch hatte sich einmal daran verbrannt, kannte die Brandblasen ihrer Kollegen und war entsprechend "konditioniert".

Daß die Tür nicht wie üblich aufging, lag anscheinend nach den Fotos zu urteilen an dem im oberen Bereich der Tür gelöstem Lack. Dieser muß bereits vor dem Zuschlagen der Tür angelöst gewesen sein, so daß die aufeinander treffenden Schichten miteinander verklebten.

Angesichts der Hoffnung durch die Fenster flüchten zu können, rüttelte Frau Lubosch unter Umständen nur zu kurz und nicht stark genug an der Tür.

Der Vater von Frau Lubosch schilderte hierzu seine Eindrücke gegenüber seiner Tochter:

"Ich hatte mitbekommen, daß du riefst, sah dich Richtung Wohnzimmer, lief aus dem Büro und fand die Tür zum Wohnzimmer zu. Gleichzeitig schrie ich nach dir und versuchte den Griff nach unten zu drücken, dann trat ich mit Füßen, warf mich mit der Schulter dagegen, nichts ging. "Warum geht die verfluchte Tür nicht auf!"

Eine weitere Frage wäre zu untersuchen: Kann der Brandraum-Innendruck bereits in einer Brandphase, in der ein Überleben im Raum noch möglich ist, so groß sein, daß Türen und Fenster nur mit massivem Körpereinsatz zu öffnen sind?

Spielen besonders dichte Fenster dabei eine maßgebliche Rolle?

Instinktiv versuchte ich den Atem so lang als möglich anzuhalten, mit Trockenschlucken und allen Tricks, die mir ohne Nachdenken zur Verfügung standen. Wenn ich atmete, dann bewußt in den Kragen meines Hausanzugs hinein. Rauch = größter Feind, diese Programmierung hatte ich, leider keine derart: Hitze = Feind Nr. 2.

Frau Lubosch kam hier zugute, dass sie in ihrer Kindheit und wann immer sich ihr die Gelegenheit bis heute bot, das Langstreckentauchen betrieb.

Sie spricht zudem hier einen weiteren wesentlichen Punkt an: Versteifen wir uns bei Brandschutzunterweisungen und Berichten in den Medien zu stark auf den Rauch und vernachlässigen neuerdings die Hitzewirkung?

Ein Beispiel, wie sehr selbst Fachleuten dieses Bewusstsein für thermische Wirkungen fehlen kann, ist die unlängst als Nachweis der ausreichenden Entrauchung vorgelegte Brandsimulation, in der sich die Rauchschicht mit 2,5 m zwar ausreichend hoch über dem Boden befand, bei einer errechneten mittleren Temperatur dieser Rauchschicht von 600 °C das Ziel der sicheren Flucht unter dieser Schicht jedoch nicht erreicht werden konnte, was dem Nachweisführer entgangen war.

Da plötzlich explodierte der Baum förmlich. Die Fensterdekoration brannte, es war laut, heiß und verraucht.

Die Geräusche werden bei der Analyse des menschlichen Verhaltens im Brandfall in der Literatur im Allgemeinen wenig beachtet, was offensichtlich falsch ist. Die Sinneseindrücke aus Geräuschen, Gerüchen, Flammenbild, Hitze sind derart massiv und bedrohlich, daß ungeschulte Personen erhebliche Einflüsse auf ihre psychische Situation nicht abwehren können. Nach Angabe von Frau Lubosch war es bei ihr vor allem das laute Geräusch, die Hitze habe sie als weniger bedrohlich empfunden.

Schweren Esszimmer-Metallstuhl gepackt und versucht ein Fenster, ca. 4 m entfernt vom eigentlichen Brandherd, einzuschlagen, der Sprung aus dem Hochparterre wäre kein Problem gewesen, doch die Scheibe blieb völlig unbeeindruckt ganz (Falle: Sicherheitsglas, das wusste ich nicht, sicher gut gegen Einbrecher), das Fenster ließ sich natürlich auch nicht öffnen (der Fensterlack war heiß und verklebt).

Nach einem der vorgelegten Fotos, auf dem ein Riss in der Scheibe erkennbar ist, kann es sich nicht um einbruchhemmendes Glas handeln. Einbruchsicheres Glas wird an der beanspruchten Stelle undurchsichtig, reißt aber nicht in der abgebildeten Form. Man erkennt jedoch, welch großen Widerstand bereits die hier anzunehmende Wärmeschutzverglasung bewirkt. Nach Angabe von Frau Lubosch war der Versuch eines Feuerwehrmannes, ein Fenster einzuschlagen erst dann erfolgreich, als er sich besonderes Werkzeug besorgte.

Dann erst die Erkenntnis. "Du stirbst hier, gleich musst du wieder atmen" Ich kroch noch unter den gläsernen Esstisch, nach wie vor konzentrierte sich das Feuer auf eine Ecke des Raumes.

Das "Verstecken" unter Tischen, Betten, in Schränken, etc. ist ein typisches und bekanntes Verhaltensmuster. Frau Lubosch vermutete richtigerweise, am Boden sei noch am meisten Sauerstoff (zu atmende Luft), was sie zum Verkriechen unter dem Tisch bewegte.

Mir war klar, dass ich wegen der Rauchvergiftung gleich das Bewusstsein verlieren würde, mir schossen Gedanken durch den Kopf, "du hast alles geregelt, Testament ist gültig, lieber Gott beschütz meine Kinder, du stirbst jetzt gleich". Dann hörte ich meinen Vater rufen "Bist du da drin, warum geht diese verfluchte Tür nicht auf" -Atemzug-  "Ja ich bin hier, sie klebt Papa" "Komm, hilf mir, ich drücke" Aufgestanden und versucht, wieder an den Ärmel gedacht, und dann ging sie wirklich auf und mein Vater und ich rannten nach unten in den Garten.

Frau Lubosch handelt ("wieder an den Ärmel gedacht") erstaunlich sachlich, auch wenn Ihre Annahme der heißen Türklinke nicht gerechtfertigt ist.

Herr Lubosch dazu:

"Dann hörte ich dich an der Tür: "Zieh, ich drücke!" und plötzlich ging es ganz leicht. Das war der Lack, vermutlich hatte er anfänglich durch die Hitze geklebt, so wie bei einem frisch gestrichenen Fenster und später war die Hitze wohl auch unser Retter, verflüssigte den Lack, denn ich sah eine richtige Nase oben an der Tür nach unten laufen."

Wo sind die Kinder, seid ihr da? Es war alles in Ordnung. Mein Wagen stand in der Einfahrt und war wie immer nicht verschlossen. Man wollte mir helfen, aber ich ließ mich nicht anfassen und setzte mich ganz vorsichtig auf die Kante des Beifahrersitzes. Ledersitze dachte ich, so ein Glück. In meiner Vorstellung war ich gespickt mit Glassplittern von der Baumdekoration, dem Fernseher usw. Dies alles war im Zimmer geschossartig herumgeflogen.

Frau Lubosch bestätigte nochmals auf Nachfrage, daß Dinge im Zimmer geschoßartig herumgeflogen seien. Es ist unter Umständen vorstellbar, daß die Weihnachtsbaumkugeln platzten. Glutpartikel und brennende Tannenzweige flogen sicher durchs Zimmer, was sich auch anhand der Verteilung und Größe der Brandverletzungen zeigen läßt.

An Verbrennungen dachte ich gar nicht, schließlich hatte ich nie eine Flamme am Körper. Endlich die Sirenen, wo bleiben denn die Sanitäter, ich muss doch ins Krankenhaus, ich habe eine Rauchvergiftung. Ich gab vom Sitz aus noch Anweisungen wer sofort anzurufen sei, wer im Geschäft das Sagen haben soll, wo die Kinder hin sollen usw.

Auch dies zeigt, wie rational gehandelt wird, sobald der Stress zurückgegangen ist. In einem ergänzenden Schreiben führt Frau Lubosch weiter aus:"Das ist das Einzige, was ich jetzt Filmen und Büchern glaube, dass man tatsächlich durch das Adrenalin noch Imstande ist zu laufen und zu reden, obwohl mehrfach angeschossen - im Kino."

Die Trage kam nicht, also wieder heraus aus dem Auto und dem Rettungswagen entgegen gelaufen. Das Kopfsteinpflaster war unangenehm an den nackten Füssen, also einen kleinen Umweg durch das glitschig kalte Gras gemacht und rein in den Sanitätswagen.

Das 1996 sanierte Haus von 1882 liegt in einem denkmalgeschützten Viertel an einer engen Straße, die auch noch einseitig beparkt wird. Polizei, mehrere Feuerwehrfahrzeuge, der Rettungswagen und wieder Feuerwehr waren hintereinander aufgereiht, ohne Wendemöglichkeit.

Letzte Erinnerung - warum fahrt ihr denn nicht, ich muss doch ins Krankenhaus und Kälte. Ich fror entsetzlich, bebte und zitterte und wimmerte nur noch - hört doch auf, aber immer wieder kam ein kalter Schwall.

Wieder hatte ich enormes Glück, die Besatzung dieses Rettungswagens hatte Erfahrung mit Brandverletzung und tat das einzig Richtige, nämlich Wasser über mich zu gießen. Das örtliche Krankenhaus entschied glücklicherweise auch auf sofortige Verlegung per Hubschrauber zum Brandverletztenzentrum. Wegen Nebels war dies nicht möglich, also erfolgte der Transport ca. 90 Minuten mit dem Wagen. Aber wieder viel Glück, eines der wenigen speziellen Brandbetten war frei. Davon bekam ich natürlich nichts mehr mit, für 12 Tage lebte ich in einer anderen Welt, im sog. künstlichen Koma.

 

 

 

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