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Schicksalsbericht Eva Aumann

Eva Aumann berichtet über ihr Leben nach der Brandkatastrophe.

Neubeginn 96

Nach Jahren glücklichen Zusammenlebens mit meinem neuen Partner, entschieden wir, zu heiraten. Beruflich und privat führten wir ein erfülltes Leben, hatten beide gute Jobs, ein eigenes Haus in Stuttgart. Meine beiden Söhne aus erster Ehe akzeptierten meinen neuen Ehemann vollständig. Unser gemeinsames Hobby, das Tanzen, pflegten wir jede Woche.

...auf unsere Hochzeitsreise
...auf unsere Hochzeitsreise

Ein Unglück und seine Folgen

Im Januar 1997, drei Monate nach unserer Hochzeit veränderte eine Gasexplosion unser Leben schlagartig. Eine defekte Hauptgasleitung unter der Straße führte zu einer Explosion in unserem Haus.

Mein damals 14-jähriger Sohn sprang aus dem Fenster und konnte sich retten. Er erlitt Brandwunden an der Hand und eine Rauchgasvergiftung, ebenso meine Schwiegereltern. Mein Mann und ich erlitten schwerste Verbrennungen. Mein Mann starb kurz darauf im Krankenhaus, während ich wochenlang im künstlichen Koma lag. 60 % meiner Haut waren verbrannt - Verbrennungen zweiten und dritten Grades an Beinen, Händen und Oberkörper.

Mein Weg der Genesung

Die Herausforderung rekonstruktiver Operationen

In Folge der schweren Verbrennungen waren insgesamt vier große Operationen notwendig, die jeweils über sechs Stunden dauerten.

Zunächst musste die verbrannte Haut sorgfältig entfernt werden, um eine Sepsis zu verhindern - eine Blutvergiftung, die leicht lebensbedrohlich werden kann. Nach dem Abtragen der Haut wurden die Wunden zunächst offengelassen, um beurteilen zu können, wie tief das sogenannte Nachbrennen tatsächlich reichte. Erst nach einigen Tagen ließ sich das gesamte Ausmaß der Verletzungen erkennen.

Da ich an beiden Händen bereits eine fortgeschrittene Sepsis entwickelt hatte, musste die zuvor transplantierte Haut wieder entfernt werden. In einer weiteren Operation wurden die Hände dann ein zweites Mal mit Haut gedeckt, um die Wundheilung zu unterstützen und das Risiko weiterer Komplikationen zu minimieren.

Gute Überlebenschancen

Auch bei Verbrennungen, die 60 % der Körperoberfläche betreffen, bestehen heutzutage dank des medizinischen Fortschritts gute Überlebenschancen.

Nach der überstandenen akuten Phase schließen sich in der Regel plastisch-chirurgische Korrekturoperationen an. Die moderne Plastische Chirurgie kann viele Schäden rekonstruieren und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern. Nach den ersten lebensrettenden und rekonstruktiven Eingriffen folgten ca. 30 weitere Operationen, um die entstandenen Schäden zu korrigieren und meine Lebensqualität so weit wie möglich zu verbessern. Die Eingriffe zielten darauf ab, Funktionen und auch das äußere Erscheinungsbild wiederherzustellen.

Trotz aller Fortschritte der modernen ist klar: kein chirurgischer Eingriff kann Brandnarben vollständig beseitigen. Aber die vielen Korrekturoperationen haben mir geholfen, ein besseres Aussehen und ganz viel Lebensqualität zurückzugewinnen.

Rehabilitation - Schritt für Schritt zurück ins Leben

Zunächst war ich nicht mehr in der Lage zu gehen. Die massiven Verletzungen an den Beinen machten jede Bewegung unmöglich, und ich war auf umfassende medizinische sowie pflegerische Unterstützung angewiesen.

Erst durch die lange Rehabilitationsphase, die intensive Physiotherapie und die gezielte Narbenbehandlung wurde ich schrittweise wieder mobil. Dieser Prozess verlangte viel Geduld, Durchhaltevermögen und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit meinem therapeutischen Team.

Die Rehabilitation war geprägt von kleinen Fortschritten, Rückschlägen und der ständigen Arbeit an mir selbst, um meine Beweglichkeit allmählich wiederherzustellen und meinen Alltag so selbstständig wie möglich gestalten zu können.

Die ersten Wege machte ich im Rollstuhl.

Schritt für Schritt arbeitete ich mich voran: erste Gehversuche mit dem Gehwagen, später konnte ich auf zwei Krücken umsteigen, bis ich schließlich nur noch auf eine Krücke angewiesen war.

Es ging vorwärts

Vor dem Unfall war ich ein sportlich aktiver Mensch - und bin es heute wieder. Besonders das Tanzen mit meinem Mann hat mir immer große Freude bereitet. Diese Leidenschaft und meine Erfahrungen aus der Zeit vor dem Unfall gaben mir Kraft und Motivation.

Ich erkannte, wie wichtig es ist, sich klare Ziele zu setzen. Irgendwann wirst du wieder tanzen! sagte ich mir. Das half mir sehr, die langwierige und oft schmerzhafte Rehabilitation durchzustehen und immer weiter an mir zu arbeiten. In den nachfolgenden zwölf Jahren war ich zwei bis dreimal wöchentlich in der Physiotherapie. Dort erhielt ich die notwendigen Narbenmassagen, um die Beweglichkeit zu erhalten und die Narbenbildung zu minimieren. Ergänzend dazu nahm ich regelmäßig an der Ergotherapie teil, die darauf abzielte, meine Handfunktion zu verbessern und mir zu helfen, alltägliche Aufgaben wieder eigenständig zu bewältigen.

All das war ein zentraler Bestandteil meiner Genesung und hat wesentlich dazu beigetragen, meine Lebensqualität wieder zu steigern.

Umgang mit Schmerzen nach schweren Verbrennungen

Auch heute habe ich noch mit Schmerzen zu kämpfen, die vor allem meine Hände und Beine betreffen. Dabei merke ich, dass das persönliche Empfinden eine große Rolle spielt - es hängt stark davon ab, wie man zu Schmerzen steht und wo die eigene individuelle Schmerzgrenze liegt.

Besonders ausgeprägt sind die Beschwerden bei Kälte: Dann fühlt sich die betroffene Haut an, als würde sie von unzähligen Nadelstichen durchbohrt. Auch Sommerhitze ist nicht angenehm, sie verursacht ebenfalls Schmerzen.

Obwohl diese Empfindungen meinen Alltag begleiten, habe ich im Laufe der Zeit Wege gefunden, damit umzugehen und mich darauf einzustellen.

Überwindung der Krise - die Rolle der Familie

In dieser Zeit großer physischer und psychischer Herausforderungen waren mir meine Angehörigen die wichtigste Stütze - und entscheidend dafür, dass ich die Krise überwinden konnte.

Besonders meine beiden Söhne, die damals 14 und 17 Jahre alt waren, gaben mir Kraft und Motivation. Ihr Wohlergehen stand für mich an oberster Stelle, und ich wusste: wenn ich es nicht schaffe, wieder zu Kräften zu kommen und arbeitsfähig zu werden, würde unsere Familie in eine existenzielle Notlage geraten.

Diese Verantwortung gab mir die nötige Entschlossenheit und den Willen, nicht aufzugeben und jeden Tag weiter an meiner Genesung zu arbeiten.

Ehrenamtliches Engagement bei Cicatrix e. V.

Seit Februar 2005 engagiere ich mich ehrenamtlich bei Cicatrix. Die Zusammenarbeit mit Betroffenen hat mir nicht nur neue Perspektiven eröffnet, sondern auch dazu beigetragen, meine Erfahrungen besser zu reflektieren und zu verarbeiten.

Im regelmäßigen Austausch konnte ich meine persönlichen Erlebnisse einbringen und zugleich von den Geschichten der anderen mit ähnlichen Herausforderungen profitieren. Dieses Engagement hat mir geholfen, mein eigenes Schicksal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Und dann bin ich irgendwann wieder tanzen gegangen!

Fünf Jahre nach meinem Unfall hatte ich mein großes Ziel erreicht: Ich konnte wieder tanzen gehen.

Dieser Moment bedeutete für mich nicht nur die Rückkehr zu einer geliebten Aktivität, sondern auch ein Zeichen dafür, dass Fortschritte möglich sind – selbst nach einem einschneidenden Erlebnis wie einem schweren Brandunfall.


 

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