"Das ganze Leben ist ein
ewiges Wiederanfangen."
(Hugo von Hofmannsthal)

 

Schicksalsbericht Johannes Groschupf

Aus dem Schatten treten - Johannes Groschupf berichtet über den Umgang mit Brandverletzungen aus der Sicht eines Betroffenen.

Johannes Groschupf 5 Jahre nach dem Absturz

Im März 1994 war ich als Reisejournalist auf einer Fahrt durch die algerische Sahara. Am letzten Tag dieser Pressereise haben wir alte Felszeichnungen im Tassili-Gebirge besichtigt. Unsere Gruppe war von zwei Hubschraubern auf das Plateau geflogen worden. Als sie uns wieder abholten, bestieg ich zum letzten Mal in meinem Leben einen Hubschrauber. Wenige Minuten nach dem Start geriet die Maschine außer Kontrolle und stürzte ab. Als sie auf dem Felsboden aufschlug, flammte sofort das Flugbenzin auf und hüllte uns Insassen im Innenraum in einer Feuerwolke ein, aus der kein Entkommen möglich schien. Ich rollte mich zum Sterben zusammen und dachte zuletzt an meine Kinder. Dieser Gedanke hat mir die Kraft gegeben, dennoch nach einem Weg zu suchen. Ich fand ihn. Wenige Augenblicke nachdem ich aus dem Wrack geklettert war, explodierte der Hubschrauber. Zusammen mit einem Co-Piloten war ich der einzige Überlebende.

Ich wollte also zurück zu meinen Kindern, und dieses Ziel habe ich im folgenden Jahr im Krankenhaus nicht aus den Augen verloren.

Ein Mensch, der leben will, braucht ein Ziel. 

Ich war schwer verbrannt - etwa achtzig Prozent der Körperoberfläche waren betroffen, die Genesung dauerte entsprechend lang. Ich erspare uns die Einzelheiten. Fünfzehn Monate später, im Mai 1995, verließ ich die Unfallklinik Ludwigshafen und fuhr zurück nach Berlin. Von krankengymnastischen und ergotherapeutischen Maßnahmen sowie einer psychologischen Beratung abgesehen, hatte ich keine Vorbereitung auf das neue Leben erfahren. In Berlin fand ich die nötige medizinische Nachversorgung, war aber ansonsten auf mich gestellt.

Ich mußte die Rehabilitation in eigene Hände nehmen.

Das Leben in eigene Hände nehmen - das war das Grundgefühl jener ersten Tage meines neuen Lebens und ist es bis heute geblieben. Gut, aber wie soll das gehen? Wie kann einer, der wirklich gezeichnet ist von einem Unfall, aus dessen Schatten heraustreten? Ich war voller Scham. Wie sehe ich aus? Wie sehen die anderen Leute mich an?

Nun, meine Kinder liefen nicht vor mir weg. Ich hatte wesentlich mehr Probleme mit meinen alten Freunden, meinen Angehörigen. Oft schien es mir, daß sie auf der Suche nach dem früheren Johannes waren, den sie in meinem Gesicht nicht recht wiederfinden konnten. Sie reagierten mit einem Mitleid, das mir nicht weiterhalf.

Wenn Rehabilitation im Sinne einer Vorbereitung auf das künftige Leben verstanden wird, so muß sie die Angehörigen mit einbeziehen. Sie sollten frühzeitig lernen, daß nun ein neuer Mensch vor ihnen steht, mit ihnen lebt, der nicht nahtlos in das Bild des früheren Menschen paßt. Die Irritationen, die dabei entstehen, dürfen nicht verschluckt werden aus falschverstandener Schonung.

Die Verletzung wie auch der Unfall müssen anerkannt werden. Sie dürfen jedoch nicht zum alleinigen Lebensmittelpunkt werden. 

In jenen ersten Wochen lag der Unfall noch wie ein Schatten über mir. Ich zuckte zusammen, wenn ein Hubschrauber über die Stadt flog. Nachts träumte ich vom Knirschen des Metalls, als die Maschine die Maschine aufschlug, ich träumte von den Verbandswechseln, vom Betteln nach Schmerzmitteln. Ich lebte unter diesem Schatten, doch ich wollte aus ihm heraustreten. Zunächst waren meine Schritte wacklig. Ich ging viel spazieren, vornehmlich nachts. Ging mit meinen Kindern einkaufen, fuhr mit der U-Bahn, bezog eine kleine Wohnung und war morgens froh, daß keine Krankenschwester um halb sechs zur Morgenwäsche, Thrombosespritze, Stuhlgangkontrolle hereinkam. Ich ließ es langsam angehen, ein wenig Geld hatte ich noch. Ich kochte Tee und sah in den Hinterhof hinaus. Ich hatte ein einzigartiges Geschenk bekommen, ein zweites Leben, und dieses Geschenk packte ich langsam und behutsam aus.

Ich lernte, daß es ein Unterschied ist, eine Brandverletzung zu haben, statt ein Brandverletzter zu sein. Ich muß mich davon nicht vereinnahmen lassen. 

Also keine Identifikation mit der Brandverletzung. Aber auch keine Dissoziation, und das liegt manchmal näher, als ich selbst dachte. In meinen Träumen hatte ich jahrelang keine Narben im Gesicht. Auch im Alltag vergißt man die Verletzung natürlich und das halte ich für gut und gesund. Doch wenn ich mir einbilde, so wie früher auszusehen, als sei gar nichts passiert, dann wird es doch heikel. Vor allem, wenn man sich damit vor Konfrontationen drückt.

Meine Kinder haben lange vergeblich versucht, mich ins Schwimmbad mitzunehmen. Ich hatte "keine Lust", bis ich mir eingestand, daß ich mich schämte. Nicht einmal schämte, sondern mich vor eventueller Scham drückte. Schließlich bin ich doch mitgegangen, ich liebe ja das Schwimmen. "Zeige deine Wunde" hat Joseph Beuys einmal gefordert. Ich zeigte meine Narben. Niemand ist in Ohnmacht gefallen.

Weder Identifikation noch Dissoziation der Brandverletzung, statt dessen Integration. 

Der Unfall wird zu einem, wenn auch besonderen, Teil meiner Lebensgeschichte. Die Brandnarben nehme ich an als Teil meines Gesichtes, meines Körpers, meines Selbstbildes. Das hört sich gut an. Wie geht es vor sich? Als suchender Prozeß. Manches wirkt gut, anderes nicht. Manchmal ist es eher ein Spiel, hin und wieder auch eine Qual.

Doch grundsätzlich empfehle ich eine spielerische, experimentelle Haltung zum eigenen Leben.

Darauf bin nicht allein gekommen. Als ich noch in Ludwigshafen lag und nicht so recht wußte, was aus mir werden sollte, fragte die dortige Stationsärztin Frau Petracic: "Wieso trainieren Sie nicht für einen Triathlon?" Ich dachte zunächst, jetzt ist sie durchgedreht, die arme Frau. Doch einige Zeit darauf, in Berlin, überlegte ich: Wieso eigentlich nicht? Und ich begann zu joggen. Ging morgens in den Park und watschelte im Omatrott die Wege entlang, roch das Laub, hörte die Vögel. Nach und nach ging es besser, und irgendwann will ich beim Berlin-Marathon mitlaufen. Und ich füge an: ich bin vor dem Unfall nie gejoggt.

Ich habe vor dem Unfall auch nicht getanzt. Ich war einer dieser Männer, die stets mit der Bierflasche an der Wand stehen, wenn es zum Tanzen kommt. Sie wirken arrogant, sind aber bloß unsicher und eigentlich doch sehnsüchtig. Jedenfalls war ich zwei Jahre in Berlin, als ich wieder zu einer Pressereise eingeladen wurde, diesmal nach Jamaica, und natürlich fuhr ich mit. Am letzen Abend wurde ich in eine Dorfdisco mitgenommen, wo es hoch her ging, und ich tanzte. Tanzte mit den anderen, und für mich allein, und wenn ich die Augen schloß, sah ich mich aus dem brennenden Hubschrauber klettern und in der Wüste stehen: kein Hauch, der verweht, sondern ein Mensch, der lebt. Diese inneren Bilder hatte ich später oft beim Tanzen, lauter Erinnerungsfetzen aus dem Krankenhausjahr tauchten auf, während ich in finsteren Berliner Clubs zu Dancehall Reggae, Hiphop, Texmex tanzte.

Natürlich habe ich auch meine persönlichen Vorlieben genutzt, um mit dem Unfall und den Verletzungen umzugehen. 

Das heißt: ich habe geschrieben, seitenweise Tagebücher vollgeschrieben. Später habe ich in der Zeitung auch über den Absturz berichtet, für das Radio ein Feature über die Zeit im Krankenhaus gemacht und jetzt einen Roman über den Absturz und die Zeit des Neuanfangs abgeschlossen, der im Herbst 2005 im Eichborn Verlag erscheint: "Zu weit draußen".

Wer schöpferische Fähigkeiten hat, wird sie auch zur Bewältigung eines solchen Erlebnisses nutzen. 

Was ist zur sozialen Eingliederung zu sagen? Ich habe eine Weile in einem Nachbarschaftsladen gearbeitet, das heißt: Kaffee gekocht, während die pubertierenden türkischen Mädchen ihren Telefonstreichen nachgingen. Danach habe ich in einem Literaturhaus Lesungen organisiert, dann bei einem Radio-Sender gearbeitet. Nebenher habe ich auch wieder als Journalist für Zeitungen geschrieben, aber das war nicht mehr mein Ziel. Es war eine Zeit der Suche, der Neuorientierung.

Ich nehme an, daß Verbrennungsopfer nicht rettungslos die soziale Treppe herunterfallen, sondern in etwa auf ihrem vorherigen Level bleiben. 

In der medialen Welt der Schönen und Reichen werden sie selten sein. Es gibt diese Ausnahmen wie Niki Lauda. Doch auch bei ihm gab es einen beruflichen Einschnitt nach seinem Unfall. Er hatte keine Lust mehr, schnell im Kreis zu fahren. Er hat Lauda Air aufgebaut. Einen solchen Wechsel in beruflicher Hinsicht habe ich auch unternommen und bin vom Reisejournalisten zum Schriftsteller und Drehbuchautor geworden. Dazu hätte ich früher nicht den Mut gehabt. Leicht ist es nicht, aber es ist das, was ich wirklich will. Und wieso eigentlich nicht seinen Träumen folgen? Wann, wenn nicht jetzt? Und wer, wenn nicht ich?

Wer eine schwere Brandverletzung erlitten hat, der mag sich zunächst so fühlen, als sei sein Leben zu Ende. Doch das ist nicht so. 

Das Leben geht äußerlich weiter, auch mit allen Unerfreulichkeiten wie Miete zahlen, Steuererklärung, Müll herunterbringen, aufsässigen Kindern, fadem Fernsehprogramm. Innerlich aber ist es die Herausforderung, ein neues Leben zu beginnen, eine neue Reise anzutreten.

Deshalb rate ich von einem Dasein als Rentner an. Ich rate auch von selbst gewählter Isolation ab. 

Ein Zusammenschluß mit anderen Brandverletzten, in Selbsthilfegruppen oder Organisationen wie CICATRIX, ist dann günstig, wenn gemeinsame Interessen vertreten und neue Handlungsstrategien entwickelt werden, nicht aber zum gegenseitigen Bemitleiden.

Ein Leid auf sich zu nehmen und damit weiterzugehen, das halte ich für einen wichtigen Schritt der persönlichen Menschwerdung. 

Wir sind in unserer Kultur nicht eben gesegnet mit initiatorischen Ritualen. Eine so schwerwiegende Verletzung aber wie eine Brandverletzung kann eine Initiation im mythologischen Sinn bedeuten. Man wird aus der gewohnten Welt herausgerissen, begibt sich auf eine anstrengende Reise ins Unbekannte, begegnet dem eigenen Dämon (in welcher Form auch immer) und kehrt zurück als ein anderer, tieferer Mensch, als der man aufgebrochen ist. Es ist eine Heldenreise, wie der Mythos sie erzählt und wie sie bis heute in vielen Hollywoodfilmen nachvollzogen wird.

Wer durch eine Verletzung zu solcher Reise gerufen wird, sollte den Ruf annehmen und ihm folgen. Das Leben öffnet sich ihm, der eine solche Herausforderung annimmt, auf neuartige Weise. So gesehen, möchte ich die Erfahrung des Absturzes, der Brandverletzung nicht missen.

Ich möchte das Geschenk eines jeden neuen Tages annehmen.

Johannes Groschupf, Berlin, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Siehe auch: "Der Absturz - eine Grenzerfahrung", 1998

 

 

 

Max button News

Nach oben